Tag 27 _06pr_ (Mittwoch, 28. September 2011) _ Von Pirovac über Zadar nach PAG und weiter nach Novalja _131 km Heute hatte ich (wieder) keinen Platten dafür aber habe ich mich „platt“ gefahren. Nicht nur die Kilometerzahl. Ausschlaggebend sind die „Qualitäten“ der Strecke. Ich bin früh gestartet – um 8 Uhr war ich schon auf dem Weg und habe Pirovac verlassen – und die Magistrale Nr. 8 bis Zadar (!) ist offenbar bis gegen 9 Uhr nur sehr wenig befahren. Also ich bin für eine runde Stunde mehr oder weniger allein auf der Strasse, leichter Rückenwind, vorbei an Biograd – das den Ehrentitel „Bio“ wohl aufgrund der Beschaffenheit seiner Strassen verdient, die samt und sonders (ich spreche von der Umfahrung) völlig „unbehandelt“ und sozusagen „naturbelassen“ zu sein scheinen. Ansonsten scheint in diesem Ferienschuppen nichts zu fehlen.
Die Einfahrt von Zadar ist ein Bild für die Barmherzigkeit. Zweispurig, neuer Asphalt glänzt schwarz. Der weisse Streifen der Strassenbegrenzung leuchetet geradezu im strahlenden Sonnenschein. Ich finde nach einem kleinen, ungewollten Abstecher in eine Wohnsiedlung parallel zur Umfahrungsstrasse zur Insel PAG, problemlos den Weg. Ich überprüfe den Hinterreifen, no problem, – gebe ihm dennoch ein wenig Luft und los geht’s wieder!In der Mittagsonne stehen mir – ich stehe jetzt bei fast 60 Tageskilometern – noch etwa 35 bevor und zwar bis PAG – den Hauptort der Insel PAG. Das ist eine faszinierende Insel. Sie scheint ein Gebirge aus Steinen zu sein. Die Schafe finden zwischen den Steinen offenbar etwas zu fressen, denn der Schafskäse ist weltberühmt. Und noch etwas, das ich gerade erfahre: Der Gegenwind ist phänomenal. Ich kriege, auch wenn’s abwärts geht, kaum 19 km/h zusammen. Endlich PAG – und es geht gegen drei Uhr nachmittag. Ich mache eine kurze Pause, esse ein Brötle mit Käse und ein bisschen Wurst vom Frühstücksbuffett, eine Banane und entscheide, bis zur Fähre Novalje – Priza weiter zu fahren.
Sehr schlcchte Entscheidung. Für ein Anfang ein Anstieg von 9% und der Wind kommt aus der falschen Richtung. Dann ein bisschen abwärts treten und in der Ebene – wenn das der richtige Name für die wiederkehrenden Wellentäler und kleinen Wellenberge zwischen dem Schilfwald sein sollte. Nach etwa 20 km hat mir der Gegenwind beinahe alle Kraft genommen. Der zweite, lange, lange Ansteig bis nach Kolan hinauf (ich dachte, dass das ein Örtchen auf Meereshöhe wäre) mit 8% fordert meinen persönlichen „Abstieg“ – ich schiebe mein Rad mit dem Gepäck hinten drauf etwa 500 m hinauf. Der Blick ist wunderbar und die Insel auch, wäre man halbwegs frisch und in der Lage die Eindrücke anders als „bremsend“ zu erleben, der Wind, der Wind… und ich bin schon längst bei Tageskilometer 120 angekommen und sehe eine endlos lange, leicht wellige Straße vor mir. Während ich stöhne – immer im pfeifenden Wind – lese ich, dass der nächste KONZUM in 5 km kommen wird. KONZUM ist Stadtrand, Stradtrand ist beinahe Ziel und die Tankstelle an der tiefesten Stelle der leichten Senkung kommt gerade richtig. Ich fahre auf sie zu und es schlägt mit – bin ich jetzt schon im Himmel ? Mehrstimmiger a capella Gesang entgegen in diesem schwermütig traurigen und die Seele streichelnden Klang, dem ich nie und nimmer widerstehen kann. Ein Flasche „Jana“ und, das, was sie hier Kaffee nennen, penden dem erschlafften Radfahrer Tröstung und sagen ihm Mut zu und der junge Tankwart sagt auf Anfrage „only two kilometers to good hotel“ – das ist Musik in meinen Ohren und mit dem großen Dschallalaleddhin Rumi höre ich darin das „Knirschen der Pforten zum Paradies“.
So einfach ist das. Und in einem katholischen Land auch noch. Selbst hier in dieser Steinwüste, in der sich die Touristen und Fährendsuchenden breit machen, gehst du nicht 500 Meter ohne auf ein Bildstöcklein zu stoßen, ein gläubiges Zeichen aus Stein oder Beton mit einem Kreuz obendrauf und einer Inschrift in Marmor gemeißelt – dem ewigen Gedenken dessen anvertraut, der hier vorbei kommt.
Eigentlich wollte ich den heutigen Eintrag mit einer Meditation zum „Soloradfahren auf Inseln bei Gegenwind und so“ beenden. Aber ich habe heute – das ist eine nicht verfizierte Vermutung – mehr oder weniger meinen 2000sten Kilometer seit dem 2. September in Wien hinter mich gebracht und die letzten 6 Tage eigentlich ausschließlich in meiner eigenen Gesellschaft. Nicht, dass ich mich nicht ertragen könnte – aber als ich heute erfahren habe, dass es einen Schnell-Katamaran von Novalje nach Rijeka gibt – entschied ich, morgen früh alles zu versuchen, auf eines der drei Schiffe zu kommen, die täglich über Rab nach Rijeka fahren zu kommen. Das Problem: Sie nehmen keine Fahrräder mit – ehrlich, ich habe einen solchen Katamaran gesehen, wenn auch nur von außen, diese Regel hat nicht mein Verständnis und der alte Herr an der Rezeption meines Hotels „TERRA“ (er holt immer seinen Enkel Lukian zum Übersetzen, weil er kein Englisch und kein Deutsch spricht) hat – ungebeten – seine Hilfe bei den kommenden „Verhandlungen“ angeboten. Mal sehen, wie weit der Arm der „Gospa“ reicht … <
+++
Tag 26 _05pr_ (Dienstag, 27. September 2011) _ Von Trogir über Marina, Rogoznica, Primosten, Grebastica nach Sibenik und weiter nach Pirovac
Der letzte Wegweiser an der Magistrale Nr. 8 zeigte für Zadar 65 km an – an die 5 oder 6 km bin ich von dort an noch gefahren, bis ich zu meinem heutigen Ziel gefunden habe: Hotel Miran in Pirovac, etwas außerhalb des Ortszentrums gelegen, in der Deckung eines „Camp“ – wie die Campingplätze hier ausgezeichnet werden – direkt am Meer, hoteleigener Strand, gleich vis-a-vis eine der Kornateninseln. Was will der Mensch noch mehr ? Und das nach – immerhin – etwa 85 km über den Daumen gepeilt – ich möchte das heute abend in Google-Maps noch genau nachrechnen. Die „Leistung“ stimmt also auch, wenigstens annähernd und morgen ist ja auch noch ein Tag und wenn er nur halb so gut wird, wie der heutige – naja, als alte Bibelkenner wissen wir ja: Jeder der Tage hat seine eigene Last – ! Und da, wo ich jetzt bin, auf der Terrasse meines Hotels, einen – wir wollen es nicht übertreiben mit dem Glück – relativ trinkbaren Kaffee vor mir und eine Flasche des seit Bosnien so vertrauten „Jana“-Wassers (natural water) – im abendlichen Licht, das schönes Wetter verspricht (das kann ich nur wiederholen, denn ich habe gestern die Wetterbildle in einer herumliegenden Zeitung in Trogir) studiert, und einer so leisen und sanften, streichelnd warmen Brise vom Wasser her, dass du meinst der müde Sommer räkle sich in ihr und – ich finde kein Wort dafür, möchte mich aber – wie der müde Sommer – hineinlegen und so ruhig liegen, wie die Insel vor mir. Dabei steht das Abendessen im Restaurant noch bevor. Und – noch rasch zurückgeblendet – KEIN einziger Patschen heute. Fernab, Jean-Paul Sartre korrigieren zu wollen, aber man muss nicht immer schmutzige Hände haben; ein wenig Radfahrerphilosophie darf in solchen Quäntchen doch sein, oder ?
Rückblende 1:
Eigentlich hätte es mich nach OTOK MURTER gezogen. Etwa 5 km vor Pirovac – vom Wegweiser mit Kilometerangaben war die schon die Rede – hätte ich links abbiegen und etwa 15 km bis hinaus auf die Landspitze einer kleinen Halbinsel fahren müssen. Dort wären dann vermutlich die ORKS am Wegrand gestanden oder die bösen Reiter Sarumans verbringen hier ihre Sommerferien. Und wenn Harry Potter seinen Zauberstab dort trainieren würde, wäre das auch nicht verwunderlich. Denkbar wäre ein Ort solchen Namens auch als Gefängnis für die TODESSER, wenn Frau Rowling diesen nicht schon erfunden und benannt hätte. Dabei ist das alles geografisch korrekt: OTOK MURTER liegt nämlich am „MURTERSKO MORE“ – also am „Murterschen Meer“ – wenn die sicher ergänzungsbedürfte Eindeutschung erlaubt ist. So, wie es aussieht, ist mir nun nach allem auch entgangen, was die Leute aus Tisno oder jene von Trinbunj von ihren Nachbarn mit dem interessanten Namen halten. Vermutlich werden sie mit ihnen in einem brüchigen Frieden leben wie alle Touristenorte dieser Welt, in denen der Neid und die Eifersucht auf die Nachbarn immer eine unterschätze Gefahr sind – warum sollte das hier gerade anders sein?
Rückblende 2:
Bevor ich mich auf den Weg aus Trogir heraus machte, drehte ich eine „Ehrenrunde“ um die Häuser. Heute war Markttag. Von den Marktständen sah man ein bisschen, von den parkplatzsuchenden Autos aller Formate sah man vieles. Die Strassen waren gerammelt voll oder verstopft, der Verkehr an den zahlreichen Ein- und Ausfahrten und an den Kreuzungen regelte sich selbst – wie üblich wohl, die Leute zeigten sich routiniert. Ich also, mit meinem Rad, spitzelte an den Landrovers und den schwarzen Mercedes mit Schweizer Kennzeichen vorbei, lächelte freundlich nach rechts und links, ließ gemüseschweren und obstreichen ältere Damen den Vortritt auf dem Zebrastreifen, schwindelte mich an der stehenden Schlange vorbei zu Sv. Dominik, der Kirte mit dem schönen Glockenturm und dem gleichnachmigen Restaurant davor. An der breiten Hafenpromenade lagen die Yachten von gestern abend und die Damen und Herren waren gerade erwacht und sahen gar nicht mehr so chic aus wie im Abendlicht von gestern. Ganz und gar nicht zerknittert hingegen war ich, sondern richtiggehend munter und fotografierte ein bisschen, für die Erinnerung an den kommenden kalten, regnerischen Tagen. Ein Stündchen hatte ich „geopfert“ und ich dachte – im Stillen und ohne jede Beimischung von Ironie und nachdem der gestern reparierte Hinterreifen die Luft gehalten hatte – dass die Wunder der Gospa beileibe nicht nur in Medju Ort und Zeit finden sondern an vielen, vielen anderen Orten vielleicht auch – und dass davon kein Mensch etwas seinem Bischof erzählt und ihn schon gar nicht fragt, ob überhaupt und wenn ja wie oder was…
Rückblende 3:
Die 50 km zwischen Trogir und Sibenik sind bis dato die schönsten dieser Reise (vom Drinatal an der serbischen Grenze und noch ein paar anderen Orten und Höhen oder Täler, die mir beim Nachdenken einfallen). Und heute war ein schöner Tag. Die Sonne lachte vom Himmel, der Morgendunst hatte sich bei Marina – gegen 10h – verflüchtigt, erträgliche Temperaturen, ich fühlte mich gut in Form und die Landschaft nach Marina bis man in Primosten wieder ans Meer kommt erinnerte mich an das Heilige Land und an Medju – klaro! An das Heilige Land wegen der weiten, wie verwildert aussehenden Olivenkulturen, uralte Bäume mit jetzt noch nicht ganz reifen, grünen, ovalen Köstlichkeiten vollbepackt und dazwischen die kleinen, mit Steinmauern eingefassten Karrées mit ihrer leuchtend roten Erde in denen Gemüse und manchmal auch Wein wächst. Die Reben in den steinigen Weingärten tragen blaue Trauben, die ihrer Reife entgegenwachsen. Ich fahre gemütlich durch diese Landschaft, zumal der Verkehr sich sowas von in Grenzen hält, dass es schon beinahe langweilig ist. Vermutlich nehmen alle die ein wenig nördlich verlaufende Autobahn.
Jedenfalls: Das ist eine Strecke, die mit dem Rad zu fahren ein himmlischen Erlebnis bedeutet, jetzt Ende September, heute – in jedem Fall. Und wenn der Hinterreifen hält fühlt sich Dalmatien wie der Himmel an. Wenn jetzt drüben, bei der kleinen Kapelle hinter den Olivenbäumen ein Licht erscheint und darin eine elegante Dame zum Radfahrer sprechen sollte – etwa: Fahre hin in Frieden und ohne Panne für die nächsten 5 Tage und verkünde allen Radlern, sie sollen immer ans Flickzeug denken – also ehrlich, ich würde absteigen, Danke sagen und mich ertappt fühlen – aber auch dankbar für den Hinweis zeigen. Würde die Dame dann sagen, geh und sage das deinem Bischof oder dem Herrn Pfarrer von Soundso – würde ich mir erlauben zurückzufragen: Wieso?! Die fahren sowieso mit dem Auto!
++++
Tag 25 _04pr_ (Montag, 26. September 2011) _ Von Podgora über Split nach Trogir Das wird ein kurzer Eintrag nach einer langen Reise. Die kleine Freude des Morgens: Der reparierte Reifen vom Sonntag früh hat die Luft behalten. Alles klar soweit – kleiner Anstieg hinauf zur Magistrale Nr. 8 – MEINE Straße für heute und für die kommenden Tage. Sie geht hinauf bis Rijeka. Der Himmel ist heute bewölkt. Die Sonne versteckt sich. Auch gut. Aber es ist ziemlich schwül. Auf der Höhe von Brela merke ich, dass hinten die Luft ausgeht. Das übliche Prozedere am Straßenrand, und die Suche nach dem Übeltäter beginnt. Etwa vier Mal umrunde ich mir meinen Fingerspitzen den Mantel, bis ich die kleine Scherbe ertaste. Raus damit (die nächste Friedensradfahrt mache ich nicht ohne das Schweizermesser!) Schlauch raus, neuer Schlauch rein, Mantel drauf, Luft hinein und weiter gehts. Bis kurz vor Split. “Same prozedure as every time” – Gottseidank, habe ich bei Brela den kaputten Schlauch geflickt, sodass ich jetzt wieder tauschen kann. Ohne Freude flicke ich auch diesen kaputten Schlauch und spüre leise Sehnsucht nach der “Gruppe”, die in solchen Fällen immer sehr erleichternde Auswirkungen zeitigt. Das Solo-Radfahren hat eigene Gesetze, das merke ich schon. Vorteile auch – aber sie überwiegen nicht. Die Küstenlandschaft ist oft überwältigend. Immer wieder denke ich, wie schade es ist, dass es keinen Radweg zwischen den Dörfern und Städtchen “unten” am Ufer gibt. Ich erkenne unbefestigte Wanderwege im Unterholz. Vielleicht muss das ein Projekt der europäischen Radfahrer sein oder werden? Denn Radfahrer/innen sind mir mehrfach begegnet, zu zweit meist, , aber auch “Solisten”, insgesamt etwa 2 Paare, zwei Solisten und eine Gruppe zu Viert mit Rennrädern, ziemlich schwer bepackt.
Das Soloradeln ist um einiges anstrengender als das Fahren in der Gruppe. Also weiter, hinein nach Split. Grausam sind diese Städte mit ihren Verkehrswegen, diese zwei- und dreispurigen Stadteinfahrten sind die reinsten Rennbahnen, besonders für die LKW. Naja, man setzt sich durch, die paar Kilometer (aufwärts, abwärts, aufwärts) bis ins Stadtzentrum werden ja wohl zu machen sein. Zwischen alle dem Lärm hoffe ich auf ein ruhiges Café mit Blick auf die Schiffe und das Meer. Denkste – die Schiffe und das Meer sind zwar da, aber im Café wird orientalisch-kroatische Folklore oder so etwas ähnliches halt – aus allen Rohren gedonnert. Wenn auch die wunderbaren antiken Ruinen die Versuchung zum Bleiben signalisieren, gegen diese Ohrenqual haben sie keine Chance.
Tag 25 _04pr_ (Montag, 26. September 2011) _ Von Podgora über Split nach Trogir Das wird ein kurzer Eintrag nach einer langen Reise. Die kleine Freude des Morgens: Der reparierte Reifen vom Sonntag früh hat die Luft behalten. Alles klar soweit – kleiner Anstieg hinauf zur Magistrale Nr. 8 – MEINE Straße für heute und für die kommenden Tage. Sie geht hinauf bis Rijeka. Der Himmel ist heute bewölkt. Die Sonne versteckt sich. Auch gut. Aber es ist ziemlich schwül. Auf der Höhe von Brela merke ich, dass hinten die Luft ausgeht. Das übliche Prozedere am Straßenrand, und die Suche nach dem Übeltäter beginnt. Etwa vier Mal umrunde ich mir meinen Fingerspitzen den Mantel, bis ich die kleine Scherbe ertaste. Raus damit (die nächste Friedensradfahrt mache ich nicht ohne das Schweizermesser!) Schlauch raus, neuer Schlauch rein, Mantel drauf, Luft hinein und weiter gehts. Bis kurz vor Split. “Same prozedure as every time” – Gottseidank, habe ich bei Brela den kaputten Schlauch geflickt, sodass ich jetzt wieder tauschen kann. Ohne Freude flicke ich auch diesen kaputten Schlauch und spüre leise Sehnsucht nach der “Gruppe”, die in solchen Fällen immer sehr erleichternde Auswirkungen zeitigt. Das Solo-Radfahren hat eigene Gesetze, das merke ich schon. Vorteile auch – aber sie überwiegen nicht. Die Küstenlandschaft ist oft überwältigend. Immer wieder denke ich, wie schade es ist, dass es keinen Radweg zwischen den Dörfern und Städtchen “unten” am Ufer gibt. Ich erkenne unbefestigte Wanderwege im Unterholz. Vielleicht muss das ein Projekt der europäischen Radfahrer sein oder werden? Denn Radfahrer/innen sind mir mehrfach begegnet, zu zweit meist, , aber auch “Solisten”, insgesamt etwa 2 Paare, zwei Solisten und eine Gruppe zu Viert mit Rennrädern, ziemlich schwer bepackt.
Das Soloradeln ist um einiges anstrengender als das Fahren in der Gruppe. Also weiter, hinein nach Split. Grausam sind diese Städte mit ihren Verkehrswegen, diese zwei- und dreispurigen Stadteinfahrten sind die reinsten Rennbahnen, besonders für die LKW. Naja, man setzt sich durch, die paar Kilometer (aufwärts, abwärts, aufwärts) bis ins Stadtzentrum werden ja wohl zu machen sein. Zwischen alle dem Lärm hoffe ich auf ein ruhiges Café mit Blick auf die Schiffe und das Meer. Denkste – die Schiffe und das Meer sind zwar da, aber im Café wird orientalisch-kroatische Folklore oder so etwas ähnliches halt – aus allen Rohren gedonnert. Wenn auch die wunderbaren antiken Ruinen die Versuchung zum Bleiben signalisieren, gegen diese Ohrenqual haben sie keine Chance
Tag 25 _04pr_ (Montag, 26. September 2011) _ Von Podgora über Split nach Trogir Das wird ein kurzer Eintrag nach einer langen Reise. Die kleine Freude des Morgens: Der reparierte Reifen vom Sonntag früh hat die Luft behalten. Alles klar soweit – kleiner Anstieg hinauf zur Magistrale Nr. 8 – MEINE Straße für heute und für die kommenden Tage. Sie geht hinauf bis Rijeka. Der Himmel ist heute bewölkt. Die Sonne versteckt sich. Auch gut. Aber es ist ziemlich schwül. Auf der Höhe von Brela merke ich, dass hinten die Luft ausgeht. Das übliche Prozedere am Straßenrand, und die Suche nach dem Übeltäter beginnt. Etwa vier Mal umrunde ich mir meinen Fingerspitzen den Mantel, bis ich die kleine Scherbe ertaste. Raus damit (die nächste Friedensradfahrt mache ich nicht ohne das Schweizermesser!) Schlauch raus, neuer Schlauch rein, Mantel drauf, Luft hinein und weiter gehts. Bis kurz vor Split. “Same prozedure as every time” – Gottseidank, habe ich bei Brela den kaputten Schlauch geflickt, sodass ich jetzt wieder tauschen kann. Ohne Freude flicke ich auch diesen kaputten Schlauch und spüre leise Sehnsucht nach der “Gruppe”, die in solchen Fällen immer sehr erleichternde Auswirkungen zeitigt. Das Solo-Radfahren hat eigene Gesetze, das merke ich schon. Vorteile auch – aber sie überwiegen nicht. Die Küstenlandschaft ist oft überwältigend. Immer wieder denke ich, wie schade es ist, dass es keinen Radweg zwischen den Dörfern und Städtchen “unten” am Ufer gibt. Ich erkenne unbefestigte Wanderwege im Unterholz. Vielleicht muss das ein Projekt der europäischen Radfahrer sein oder werden? Denn Radfahrer/innen sind mir mehrfach begegnet, zu zweit meist, , aber auch “Solisten”, insgesamt etwa 2 Paare, zwei Solisten und eine Gruppe zu Viert mit Rennrädern, ziemlich schwer bepackt.
Das Soloradeln ist um einiges anstrengender als das Fahren in der Gruppe. Also weiter, hinein nach Split. Grausam sind diese Städte mit ihren Verkehrswegen, diese zwei- und dreispurigen Stadteinfahrten sind die reinsten Rennbahnen, besonders für die LKW. Naja, man setzt sich durch, die paar Kilometer (aufwärts, abwärts, aufwärts) bis ins Stadtzentrum werden ja wohl zu machen sein. Zwischen alle dem Lärm hoffe ich auf ein ruhiges Café mit Blick auf die Schiffe und das Meer. Denkste – die Schiffe und das Meer sind zwar da, aber im Café wird orientalisch-kroatische Folklore oder so etwas ähnliches halt – aus allen Rohren gedonnert. Wenn auch die wunderbaren antiken Ruinen die Versuchung zum Bleiben signalisieren, gegen diese Ohrenqual haben sie keine Chance.
+++
Tag 24 _03pr_ (Sonntag, 25. September 2011), Podgora/CRO, Ruhetag
Vom Balkon meines Zimmers aus sehe ich eine Insel im Hintergrund. Wie ein schwerer, langgezogener Wal liegt sie im Wasser. Das Licht ist im Morgendunst gebrochen. Und im Vordergrund sehe ich einen Friedhof und eine Kapelle. Einige weiße Marmorgrabsteine stechen heraus aus dem dunklen Hintergrund, den die Pinien und die Zypressen im seitlich einfallenden Licht der Morgensonne ausmachen. In die weite, ruhige Stille klingen Kirchenglocken und die Geräusche von Schaufeln und Pickeln, das Rieseln von steiniger Erde werden zu mir herauf getragen. Jemand schließt die Tür seines Zimmers und nimmt den Weg zu Strand hinunter.
Das Frühstück ist ok. Der Kaffee besser als oft in den letzten Wochen. Alles ist auf die die Herrschaften abgestimmt, die – so scheint es mir – hier sozusagen den Resturlaub ihres Lebens zu genießen. Ich gehe in den Gepäckraum, wo mein Fahrrad steht und repariere den Hinterreifen. Die verfluchten winzigen Scherben am Strassenrand bereiten Schwierigkeiten.
Dann gehe ich an die Strandpromenade, eine Ansammlung an vermeintlichen Notwendigkeiten, wie man den Leuten das Geld aus der Tasche zieht. Naja, nicht immer, das eine oder andere Café oder Restaurant ist schon ok, macht Sinn. Das Meer ist unglaublich schön. Klares Wasser. Die Senioren/innen machen sich breit, strecken sich der Sonne entgegen, die Familien mit Kindern, die nicht schulpflichtig sind, die Töchter mit ihren Müttern, ohne Männer, Ehepaare – oft sehr, sehr müde Menschengesichter, die selbst von der Sonne nur schwer zu erhellen scheinen. Ich kaufe ein bisschen Obst, gehe zurück auf „meinen“ Balkon, fühle mich wie ein Milliardär mit Hauptgewinn an der Börse. Das Meer zu Füssen, der Blick weit ins Blaue. Wunderbar.
Ein Mittagschläfchen ist für Friedensradfahrer eher Luxus. Heute ist Sonntag, also Luxus. Dann aus dem Schlummer erwachen und ein bisschen schreiben, lustvoll – es ist unglaublich, wie man schöpfen kann, die Gedanken fließen wie ein breiter Strom, der Geist der Neretva hat sich mit Pegagsus zusammengetan. Es sei …
Das WLAN ist ziemlich langsam, die Unterbrechungen dem Upload nicht richtig förderlich. Aber der Blick von der Terrasse, die sanftfrische abendliche Brise, wie ein Trost hüllt sie dich ein, entschädigt für alles und schließlich habe ich erledigt, was zu erledigen war und einen Sonntag am Meer genossen, wie selten… Hoffentlich hält der Hinterreifen die Luft… Die Wetteraussichten im Fernseher sahen so aus, dass ich mir wünschte, sie missverstanden zu haben… on verra!
+++
Tag 23 / 02-pr_ (Samstag, 24. September 2011)
Medjugorije – Zvirovici – Capljin – Gabela – Metkovic – Opuzen – Ploce – Gradac – Podgora _ca. 115 km
Das Geschenk, das den heutigen Tag eröffnet hat, die Morgensonne und der leicht abwärts führende Weg aus Medjugoje hinaus – all das kann nicht die unerhörte architektonische Scheußlichkeit dieses Ortes verbergen. In einer Mischung aus geldgeiler Kulturlosigkeit und wirtschaftlichem Nutzenrechnung wird hier herumgebaut und zusammengebastelt was das Zeug hält. Also, das Medjugorije, das ist nicht kannte, hat sich mir ganz wundersam gezeigt – ohne Blitz und Donner, nur einfach und praktisch und lebendig, wie es halt so ist. Jenes Medjugorije, das ich schon kannte, vom dem ich gehört und gelesen hatte – habe ich das gesehen? So verlasse ich mich, wie schon so oft, auf meine Gefühle und Empfindungen und rolle gelassen in Richtung Meer. Die Aufwärtsarbeit von gestern wird zum Abwärtsguthaben für heute. Die Straßen sind relativ gut – aber mit dem Gepäck auf dem Träger verhält sich das Rad ein wenig anders. Ich fahre vorsichtig und nehme In Cein wenig Tempo heraus, denn schließlich fehlt mir die Rückendeckung des Begleitfahrzeugs ebenso wie jene der Mitradler. Ich bin zum Solisten mutiert.
Das kroatische Gefallenendenkmal in Zvivorici fotografiere ich, vor allem weil es so protzig ist. Gleich daneben eine kleine katholische Kirche – allein die Wahl des Ortes spricht vom Selbstbewußtsein der Erbauer. Das ist ein sehr unsympathischer Zug, sage ich mir und rolle weiter nach Caplijin hinein und in Richtung Gabela, wo ich auf die Neretva treffe, dem ich jetzt folgen werde bis ans Meer. Über Metkovicz führt einen schöne Strasse nach Opuzen, wo der Zoll eine lange Schlange verursacht. Ich komme ruckzuck durch, bin in Kroatien und will weiter nach PLOCE, wo das Meer ist und auch, weil dort die Neretva sich ins Meer ergießt. Gegen Mittag habe ich es geschafft. Kleine Pause und Nachricht an die Heimat – dann geht’s in die Steigungen der dalmatinischen Küste und dann auf guter Straße, mit wunderbaren Blicken aufs Meer hinaus und die Inseln, möchte ich bis nach Makarska kommen. Doch etwa 16 Kilometer vor meinem geplanten Ziel, bemerke ich dass die Luft aus meinem Hinterrad schwindet. Ich bin in Podgora und etwa hundert Meter vor mir tut sich ein Hoteleingang auf, also was solls: Ein Zimmer mit Meerblick ist frei, die übrigen Pensionisten, die hier ihre Herbstferien verbringen, stören mich nicht – angekommen. Das Hotel Minerva hat direkten Zugang zum Meer, einen Swimmingpool und WLAN – was braucht der Mensch mehr und heute ist Samstag und morgen ist Sonntag – wohlgemerkt: arbeitsfreier Sonntag!! Wunderbar!
+++
Tag 22 / 01-pr_ Freitag, 23. Sept. 2011
Abschied – Bus: Sarajevo-Mostar; Rad: Mostar – Medjugorije _ca. 40 km
1 _Es war ganz einfach. Gestern am späteren Nachmittag ging ich in das Büro der Eurolines, gleich vis-a-vis der Herz-Jesu-Kirche mitten in Sarajevo .Der für meine Destination – Mostar – bestimmte Schreibtisch war unbesetzt. Ein Gang zur Bank war notwendig geworden, erklärte der Kollege vom Nebenarbeitsplatz. Fünfzehn Minuten, vielleicht. So ging ich ins gleich nebenanliegende „Cafe DELUXE“, direkt zum Kuchenbuffet und suchte mir eine der geradezu unanständig guten bosnischen Schokoladentorten aus, setzte mich an einen Tisch mit freiem Blick auf die vorübergehenden Leute und bestellte beim sofort anrollenden Kellner einen Nescafé-Classik, weil mir das hier am besten schmeckt. Der Kellner ist eine Szene für sich. Er rollt heran, unhörbar, wie schwebend und dann ergießt sich ein gezielter, lächelnder Wortschwall – eine serbokroatisch-englisch-italienisch-deutsche Verbaldusche – über dich und du nickst einfach heftig an der Stelle, wo der richtige, passende Kaffeetitel fällt. Dann entschwebt der 2-Meter-Mann, dem das Fitnessstudio aus jeder Bewegung anzusehen ist, grüßt hierhin, lacht dorthin, wirft die Bestellung über das Kuchenbüffett in die dunklen Räumlichkeiten dahinter. Du meinst das Zischen und Rinnen des heißen Wassers zu hören, draußen ziehen Sarajevos Einwohner vorbei als ob nichts wäre und dann kommen Kaffée und Schokotorte zu Besuch. Das ist Frieden. So fühlt sich das an. Und es hat etwas mit dem Paradies zu tun – dieses unglaublich nahe Gefühl des Angenommen-Seins, die eigenartig momentane Empfindung des Daseins (Dobre vece, Monsieur Proust!) in ungeahnten Dimensionen und mit dem Paradies der Muslime hat es wohl auch etwas zu tun angesichts der schönen, jungen, dunkeläugigen Frauen mit und ohne Kopftuch, mit und ohne Kinder, mit und ohne Begleitung.
Nach einer halben Stunde – unser altmodisches „akademisches Viertel“ hatte ich der Einfachheit halber gleich dazugerechnet, denn man zeige mir einen Angestellten, der seinen dienstlichen Gang zur Bank nicht mit einem Espresso bei einer/m seiner Fraeunde/innen verbinde. Ich hatte Recht. Die paar Minuten Mediation der Fassade der „Herz-Jesu-Kirche“ wirkten sich auch noch wohltuend aus, sodass, als ich ankam im Fahrkartenbüro, ein junger Mann mir eilfertig und ohne Weiteres das Ticket „for me an my bycicle“ ausstellte und in einem Atemzug, Abfahrtszeit, Perron und Abfahrtsort des Busses gleich mitlieferte. „Have a nice trip“ sagte er und meinte nebenbei, ein Trinkeld von 5-10 KM (konvertible Mark, die Währung in BiH) könnte das Verstauen des Fahrrades im Bus durchaus beschleunigen.
So ausgestattet mit Fachwissen, bepacktem Rad und einer gewissen Unruhe brach ich auf, schob mein Rad ein Stück durch die Fussgängerzone in Richtung Autobusbahnhof, machte das eine oder andere Foto, sah die Schachspieler im Park und blieb bei der Flamme des ewigen Gedenkes für die Gefallenen noch ein wenig stehen, richtete mich stadtauswärts und dann warf ich mit die heranrollende Welle des Morgenverkehrs in Sarajevo. Der, das kann ich so sagen, ist – immer für einen Radfahrer gerechnet – mit jenem in Istanbul durchaus vergleichbar, kurz: die Hölle, nur eben auf serbokroatisch, aber das macht eigenen keinen Unterschied aus – total heiß ist es so oder so! Du fragst dich, während der Luftschwall eines daher schießenden Lastwagens dich fast auf den Gehsteig wirft, weshalb die asphaltierte Straße – links und rechts der Straßenbahnschienen plötzlich aufhört und ein, zwei Meter lang aussieht, als ob ein Presslufthammer gewütet und dann in Urlaub gegangen ist. Und wenn die Straßenbahn dann wirklich kommt, du hörst sie hinter dir klingeln, kannst du nur noch nach vorne fliehen, mit aller Kraft, eine Art Zwischenspurt, der bei einem Etappenzielsprint der Tour de France gute Chancen auf den 4. Platz hätte. Dann kommt das Holiday Inn in Sicht, wo während der Belagerung Sarajevos die Weltpresse ihre Zelte aufgeschlagen hatte und das zu horrenden Preisen, wie man sich hier erzählt. Dort – im übrigen ein scheußliches Hochhaus – geht es rechts ab und dann bist du beim Bahnhof der in bestem Englisch als „Railway Station“ angeschrieben ist – und links neben dem Bahnhof ist der Autobusbahnhof. Das Schönste am Bahnhof ist Sarajevo ist das riesengroße, überdachte Freiluftcafé, wie eine freundliche Barriere unterwegs zu den Bahnsteigen.
Dort warte ich ein paar Minuten bis Hans Gattringer kommst, der sich auf eigene Faust vom Hotel bis hierher durchschlagen wollte, denn er nimmt den Zug nach Zagreb. Wir wollen uns nur verabschieden, jetzt nachdem wir wieder – wir hatten uns bei der Jerualem-Friedensradfahrt 2009 kennen und schätzen gelernt – rund 1000 Kilometer gemeinsam in eine Richtung gefahren sind. Hans trifft ein, wir sagen uns gute Worte und Adieu und dann bin ich „endlich allein“. >
2 _ Ein übrig gebliebener Friedensradfahrer, der kein Ende findet und während alle anderen, vernünftig wie sie sind, mit dem Bus oder dem Zug nach Wien und Graz und von dort nach Hause fahren, verlängere ich noch auf relativ unbestimmte Zeit, eine Woche vielleicht oder zwei – man wird sehen. Es ist das Meer, das mich anzieht. Rufen, nein, rufen tut es nicht – aber als ich hörte, dass es von Mostar aus – die Diretissima – nur rund 60 km seien, war der Gedanke gepflanzt. Die Tage seit Mostar (10. bis 12. September, Tag 11, 12), wo wir im Studentenheim mit einem wundervollen Blick über die Stadt gewohnt hatten, war der Gedanke gewachsen. Ein Teil meiner Gefährten/innen hatten es sich damals nicht nehmen lassen, am Nachmittag des radfreien Tages mit dem Autobus nach Medjugorije zu fahren. Ich war damals zuhause geblieben, hatte mich ein paar Stunden einfach erholt und meinen Gedanken, wieder zu kommen und über Medjugorije ans Meer zu fahren, gepflegt. Und jetzt ist er reif geworden, denke ich, als ich mit meinem Fahrrad ganz leicht und freundlich von einem uniformieren Mann an der Barriere rechts vorbei auf die Perrons komme, mein Fahrrad bei Perron 11 an die Abfahrts-Werbe-Tafel lehne und mich selbst an die ein paar Meter weiter stehende Stahlsäule und die 30 Minuten bis zur Abfahrt um 9.55 Uhr warte.
Zehn Minuten vor der Abfahrtzeit kommt der Bus. Ich sehe den Schaffner aussteigen (der Bus hat einen Schaffner, der mitfährt), dann den Fahrer, der sich natürlich sofort zu seinen Kollegen im Café auf dem Perron setzt und eine Zigargette anzündet. In der Hosentasche reibe ich schon meinen Zehner. Der gute Mann mittleren Alters im weißen Hemd mit Krawatte ist seriös bis auch die Knochen. Ein Blick aufs Rad und auf mich und schon packt er es, schiebt es auf die andere Seite des Busses, ööffnet im hinteren Teil eine große Klappe und schwuppdiwupp steht mein Fahrrad aufrecht angelehnt und gut gesichert im Bus. Das Gepäck dazu, fragt sein Blick, und gleichzeitig nimmt er es schon mit der anderen Hand und verstaubt es ebenfalls. Ich stehe da und will meinen Zehner anbringen, stottere „Hvala lepa“ und möchte ihn den Schein geben. Er aber – lächelt mich an, als ob er wüsste, wie mich der junge Bürohengst im Fahrkartenbüro instruiert hat – hebt abwehrend beide Hände und schüttelt den Kopf. Bestimmt. Entschieden. – Ich meinerseits lasse mir meine Überraschung nicht anmerken, nutze seine Abwehrhaltung und stecke ihm – in einer Art Überraschungs-angriff seine Abwehr unterlaufend – den Schein in die Brusttasche seines blütenweißen Hemdes. So! – jetzt weiß ich, was es mit Ernst Jandls Gedicht mit kurzem „o“ auf sich hat und finde, bei solchen Busschaffnern, kann es für BiH nicht mehr weit bis Europa sein. Meinen Nebengedanken dabei schreibe ich hier jetzt laut und deutlich: Einen Gruß an den „HiRep“, Herrn Inzko – es ist nicht alles umsonst oder falsch, was Sie in diesem Land machen!“
3 _Pünktlich geht es los. Ich freue mich auf den „Rückweg“ nach Mostar. Wir haben dieselbe Strecke nach Sarajevo zurückgelegt. Die rund zweieinhalb Stunden Busfahrt gehen vorbei wie im Flug. Wir fahren durch die Aussenbezirke Sarajevos hinaus, vorbei an den großen, neuen Autohäusern, Versicherungen, Kaufhäusern, hie und da eine Moschee, eine orthodoxe Kirche, die Aufbauten der Gemüsehändler/innen, die Friedhöfe – jene mit den neuen weißen Marmorstelen und jene mit den neuen schwarzen Marmorkreuzen – in fast jedem Ort, fast jedem Weiler, Menschen steigen aus, andere steigen zu – es geht in Richtung Konijz – vorbei an Celebici und ich denke an das vom Kroaten Zdravko Mucic und seinem bosniakischen Stellvertreter Hazim Delic – beide verurteilt vom internationalen Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien – geführte Lager, in dem überwiegend serbische Frauen und Männer aus der Umgebung verschleppt, vergewaltigt, gefoltert und unmenschlichen Qualen ausgesetzt waren.
Aber die Neretva – ein Wunder der Natur, eine Quelle des Lebens sondergleichen muss sie sein – begleitet den Bus, den ganzen Weg bis Mostar hinein. Ich fühle mich vertraut mit der Landschaft, meine, die eine Frau, den anderen Mann, ein Kind, das gerade die Straße in Jablanica überquert, schon einmal gesehen zu haben, was natürlich nicht der Fall ist. Aber die Neretva zwischen Mostar und Jablanica kenne ich nun schon von zwei Radtouren. Nach Mostar hinein und dann wieder zurück – diesmal nach Konjiz und Sarajevo. Und heute eben mit dem Bus. Ich erkenne die Lachszucht, die Forellenzucht, das Restaurant hinter Jablanica, das wir beim ersten Mal versäumt, beim zweiten Mal besucht haben und jetzt vorbeifahren. Das Lammfleisch vom offenen Grill duftet, bilde ich mir ein, der Bus überquert die Stauseebrücke und dann geht es am linken Ufer entlang hinein. Nocheinmal fahre ich im Geiste unsere Tour auf dieser Strecke ab, halte ein bei der Brücke, an der wir hungrig und müde, in der Hitze den Fischer beobachtet und zusammen gewartet hatten. Der Bus bleibt stehen, es ist aber keine Haltestelle. Der Schaffner steigt aus, der Fischer gibt ihm drei Plastiktaschen mit Fischen, ein Bündel KM wechselt den Besitzer und nach einer Minute geht es wieder weiter, vorbei am Restaurant, wo wir damals schließlich doch noch zu unseren Cevapcici gekommen sind und zu einem Pivo und so weiter – hinein nach Mostar, alles vertraut, ich bin wieder da…
4 _Beim Aussteigen aus dem Bus stellen sich dir Frauen und Männer in den Weg, reden auf dich ein und – wenn du dann eine Sekunde Luft geschnappt hast – du siehst die die DinA4 – Täfelchen die sie hochhalten: „Room“ steht drauf und sie rufen dir entegen: „You need a Room“. – No thanks, not today – ich hole mein Rad und mein Gepäck mit dem Schaffner aus dem hinteren Teil des Busses, packe meine Siebensachen zusammen und brauche keine 50 Meter zur nächsten Kreuzung zu gehen, schon sticht mir das grüne Hinweisschild: „Medjugorje“ in die Augen. Aufsteigen, und los geht’s! - Die kurze Strecke durch Mostar ist eine kleine Erinnerungstour. Ich höre die Erklärungen unserer Begleiterin Vicky, der deutschen Kroatin, die hier in Mostar lebt. Ein Stück weit begleitet mich die Neretva, dann kommt eine der echt klotzigen katholsichen Kirchen mit einem großen Friedhof und dann geht es aufwärts.
Medjugorije bedeutet etwa soviel wie „in den Bergen gelegen“ und das ist eine sehr genaue Beschreibung für die Lage des Ortes, der inzwischen mit rund einer Million Pilger/innen pro Jahr unter die bedeutsamen Pilgerorte der Christenheit – Rom, Jerusalem, Lourdes, Fatima, Santiago de Compostela – gehört. Zuerst also bergauf, aber immerhin nach Süden, in Richtung Meer. Nochmals ein sehr großer, katholischer Friedhof, eine Spitzkehre und der Blick geht weit in die Ebene südlich von Mostar. Erich von Däniken hätte sein Freude – der Flughafen von Mostar, wichtiger Pilger-Zubringer für Medjugorije, sieht von hier oben aus wie eine Götterbotschaft, wenn man ein wenig Fantasie hat. Ein phänomenaler Blick – und nach der heftigste Anstieg auch überwunden ist, geht es hügelig durch die karstigen Hochebenen, wellig geht es dahin, von Zeit zu Zeit ein kleiner Ort. Neben dem Ortsschild, das oft mit unleserlichen Zeichen übermalt ist, ist ein „Ort“ immer auch an dem großen, quer über die Straße geschriebenen Buchstaben „Skola“ (Schule) erkenntlich. Keine Moscheen mehr, nur noch katholische Wegzeichen. Und je näher man dem Heiligtum kommt umso mehr wird auf Weinschenken hingewiesen. Und tatsächlich stehen überall hier unter der Sonne Reben und die noch nicht ganz reifen Trauben sind wie ein Versprechen.
Wie eine Endlosprozession liegen sie am Wegrand, die Plastikflaschen und Plastiktaschen, Plastikbehältnisse aller Art von der Zahnpastatube bis zum Waschbeutel, von der Bierkiste bis zum Teppich. Einige Kilometer vor Meddjugorje sehe ich diesen Produktionsbetrieb namens ALPLA . Ob das etwas mit dem Betrieb in Hard/Vorarlberg zu tun hat? Schon beim Anstieg aus Mostar heraus beginnt offenbar eine Müllhalde für die Leute in BiH. Irgendwie fällt mir das auf dem Weg nach Medju – so meine private, nie ausgesprochene Abkürzung – heute besonders auf. Und noch etwas – auf dieser relativ guten Straße durch den Karst südlich von Mostar – überholen dich die sogenannten „fetten“ Autos. Ich brauche die Marken nicht ausdrücklich zu nennen, aber sie rauschen daher und es werden umso mehr, je näher man dem Heiligtum kommt. Die Region um Medjugorije gehört zu den reichsten in BiH, sagt der Reiseführer und die wirtschaftliche Entwicklung ist hier zweifelsfrei und fraglos der Erscheinung der „Gospa“ im Juni 1981 zuzuschreiben. Bis dahin hatten die Leute Wein, Tabak, Obst und Gemüse angebaut und mehr schlecht als recht ihr Leben gefristet. Bis eben die sechs Kinder – heute sind es auch schon ältere Herrschaften – beim Dorf Bijakovici in Podboro sei ihnen die Muttergottes erschienen. Bis dahin, waren die Leute, die etwas aus ihrem Leben machen wollten ins Ausland abgewandert, nach Amerika meistens – aber innerhalb von ein paar Wochen hatte sich das Leben „zwischen den Bergen“ massiv verändert. Nach anfänglichen Wellen von bis zu 15.000 Pilgern sind es heute rund eine Million Übernachtungen, die die Kommune zu bewältigen hat. Rund 15.000 Gästebetten sind meistens belegt, sodass im jährlichen Schnitt ca. 500 dazukommen. Von den Shops, den Pizzerias, den Restaurants und so weiter gar nicht zu reden.
Heute jedenfalls, ist für einen Radfahrer, der eine Nacht unter dem Sternenhimmel zwischen den Bergen kein Bett zu haben. Vier Hotels und etwa sechs Pensionen hatte ich schon abgeklappert und die Idee, mich in einem der zahllosen Beichtstühle einzuschleichen und dort zu übernachten, nahm schon Formen an, als ich bei der siebten Pension „Vasiliji“ – die Adresse hatte ich von einer dort wohnenden englischen Dame bekommen, die zu wissen meinte, es gebe noch ein freies Bett dort – vergeblich angeklopft hatte, begegnete mir Antontio. So jedenfalls rief eine hübsche Blondine mittleren Alters in ihrem klangvollen Italienisch den jungen Mann, der seinerseits mehr Interesse an meinem „Simplon Mythos“ zeigte als an ihr. Wir einigten uns auf die Sprache, in der wir uns verständigen wollten – Deutsch (!) – und dann redte er in seinem englischen Mix weiter, gab mir zu verstehen, dass er eine Möglichkeit habe für „una notte“. Wir gingen drei Häuser weiter, sein Blick wich nicht einen Moment von meinem Fahrrad, bogen rechts ab und im Hintergrund entdeckte ich eine ältere Dame, mit der sich Antonio italienisch unterhielt. Ich lese: “Pansio Primorac“. Zwischen vielen „si-si“und „momento“ tauchte ein weiterer, blonder junger Mann aus dem Hintergrund des Eingangs auf und Antonio erzählte meine Geschichte, zeigte aufs Fahrrad und der junge Mann sagte in bestem Deutsch: „Das muss ich gleich meinem Vater sagen“ – eine Minute später stand ich zwischen drei Männern, die mich beiseite geschoben hatten und mein Rad betrachteten, die Reifen betasteten und den Sattel drückten, die Kurbeln dehten und die Bremsengriffe anzogen. Der ältere Herr in eleganten Jeans und dunkelblauem T-Shirt mit kurz geschnittenen, grauen Haaren – schaute mich an, von oben bis unten, er mass mich mit seinem Blick und murmelte etwas zur Dame von vorhin, die eine junge Frau zum Schlüsselbrett schickte und mir den Schlüssel mit der Nr. 407 brachte – und der junge Mann, der Junior-Chef sagte: „…gut, für eine Nacht geht es“ !
So – bei allem Respekt – hatte ich mir Medju nicht vorgestellt, ich geb’s zu. Aber offenbar ist die Gospa in ihrer Güte wohl doch auch hier wirksam. Also hatte ich mein Wunder abbekommen und widmete mich nach einer Dusche und einem Schluck Kaffee mit dem Junior-Chef dem Wesentlichen des Heiligtums. Um 17 Uhr startet der Rosenkranz und rund eine Stunde später die Hl. Messe, die von etwa 18 Uhr bis 20 Uhr dauert. Der Junior-Chef berichtete mir von seiner Passion, dem Radfahren, das er täglich mit einem seiner Freunde etwa 40 km genieße. Er erkundigte sich nach Funktionsunterwäsche und Winterbekleidung, nach Preisen und Markenrädern, er „fratschelte“ mich aus und zwar nach Strich und Faden und saugte alles aus mir heraus, was ich in Fahrradsachen für ihn zu wissen schien. Es ist, ehrlich gesagt, sehr lange her, dass jemand mir eine derartige Fachkompetenz zutraute, wie dieser junge Mann.
Nun, ich kann gute Nachrichten in Sachen Medju bringen: Es ist alles in Ordnung. Keine Aufregung. Klugerweise erscheint die Gospa ja, wenn übehaupt, den Sehern. Die rund tausend Pilger/innen aller Altersschichten, geben sich mit Beten und Messebesuchen zufrieden. Sie beichten im Freien und in den organisierten Beichtstühlen und das zuhauf. Die Beichtväter sind alle an liturgischen Gewändern erkenntlich und wenn man die Szenerie aus der Nähe betrachtet, wird ziemlich viel gelacht und gelächelt – aber natürlich geht es auch ernst zu. Doch insgesamt ist die Stimmung entspannt bis leicht fröhlich im Umfeld der einfachen Kirche zum Heiligen Jakob. Im weiteren Umfeld muss der Pilger zum Erscheinungsberg wandern, steinige Wege, und die entscheidenden Stellen sind mit mehr oder weniger erfreulichen Kunstwerken markiert. Dann gibt es noch den rund 500 Meter hohen Kreuzberg, der aber schon 1934 mit einem 8,56 m hohen Betonkreuz ausgestattet worden ist. Schon jetzt – es ist immerhin Ende September – sind diese Hügel eine schweißtreibende Angelegenheit, wenn man hinauf will, wie ist das erst im Sommer – das will ich nun einfach nicht wissen und erkunde das Umfeld der Jakobskirche.
Es ist eine Art Glaubenspark, die hier auf einer großen Fläche hinter der Jakobskirche angelegt worden ist. An den gut befestigten Spazierwegen finden sich Stationen aus dem Leben Jesu nach Art der Nazarener in Mosaik ausgeführt. Ziemlich bunt zwar, aber das gefällt den Leuten hier offenbar. Ein Stück weiter, findet man sich in einer Art kreisförmig angelegten Labyrinth, wo man zwischen Grünpflanzen einen Stillebereich ausgezeichnet hat. Hier sind die Kreuzwegstationen zu finden und viele Frauen und Männer gehen bedachtsam und Schritt für Schritt von Station zu Station und sprechen leise, manche bewegen nur die Lippen, ihre Gebet oder lesen aus einem kleinen Büchlein, das sie vorher in einem der vielen Stände käuflich erworben haben. Der Keuzweg umrundet die hohe Statue „Der auferstandene Erlöser“ – ein Werk des slowenischen Bildhauers Andrej Ajdic. Die aufrecht in den Himmel ragende Figur des gekreuzigten Auferstandenen zentriert den Kreuzweg.
Eine kleine Warteschlange bildet sich, wenn die Leute ein mitgebrachtes Papiertaschentuch entfalten, auf ein links und rechts der Figur angebrachtes dreistufiges Treppchen steigen und mit dem entfalteten Tuch die Beine des Gekreuzigten bis zum Knie hin abstreifen. Das dauert ein wenig, denn ganz offenbar, ist hier eine Art „Kraftquelle“ – denn die sorgfältig und aufmerksam benützten Tüchlein werden vorsichtig gefaltet und wieder eingesteckt. Die Reibebewegungen mit dem Tuch sind meist mit stillen, wortlosen Gebeten und bittenden Gesten begleitet.
An diesem schönen Freitagabend sind wohl etwa 5000 Leute beim Gottesdienst. Alles geht geordnet zu. Das Evangelium wird in vielen Sprache in Kurzform gelesen, das dauert schon und die Predigt ist auch nicht kurz und wird auch nicht übersetzt. Im weiten Park hinter der Jakobskirche bieten stabile Sitzbänke den Menschen Platz. Es ist ruhig, still und es geht gelassen zu. Die untergehende Sonne färbt den überdachten Altar, der golden glänzt und die über hundert Priester im Halbrund um den Altar in diesem Abendlicht lassen ein von sehr, sehr vielen Gläubigen ersehntes, erhofftes und erbetenes, oft auch erlittenes und erkämpftes Kirchenbild vor dem geistigen Auge erstehen, das man – in diesem Moment jedenfalls – nicht auf seine faktischen Zutaten hin befragen sollte.
In der Pension Primorac geht es um 20.30 h rund. Etwa 60 italienische Menschen haben die Pension fest in ihrer Hand. Abendessen im Speisesaal, Tischgebet, Löffelgeklapper, der Saal ist von Stimmen erfüllt, die Rollwägen, mit denen die Speisen herbei gefahren werden und an den einzelnen Tischen verteilt erinnern an katholische Pilgerrestaurants in aller Welt. Das Essen ist gut, reichlich und – ich bin eingeladen worden, vom Junior-Chef. Ich sitze an einem eigenen Tisch und bekomme, was die anderen bekommen, zufrieden und – ja, – dankbar auch – nehme ich von den gebackenen Auberginen, dem Käse, den Fischleibchen und den kleinen gemischten Salat. Dazu wird Wasser und Weisswein aufgetischt und Weißbrot natürlich. Der Junior-Chef hatte mit einem Schulterzucken den Fisch erklärt: „Freitag“, sagte er nur und ich spüre, wie sich katholisch in Medju anfühlt.
Am Morgen, nach dem Frühstück dann, möchte ich bezahlen. Die ältere Dame von gestern nachmittag hat Frühdienst, holt mir mein Fahrrad aus den Privaträumen des Junior-Chefs und als sie meine Geldbörse sieht, schüttelt sie den Kopf. Ich bestehe auf Bezahlung, da kommt gerade der Senior-Chef, wie aus dem Ei gepellt vom Morgenespresso vis-a-vis wohl, sieht mich, lacht und gibt mir die Hand. Du bezahlst nix, sagt er definitiv und zeigt auf jene Stelle an meiner linken Brust, wo auf dem Polohemd, das ich gestern Abend getragen habe, das Logo der Friedensradfahrt – die Friedenstaube – aufgedruckt war. So ist das also, denke ich Wund der alte Herr sagt, lächelnd und seine schneeweißen Zähne blitzen nur so – „Ist gutt“.
+++
Tag 21 (Donnerstag, 22.9.2011)
Sarajevo, Center of Non-Violent Action
Nach einem zweiten Besuch im Restoran AEOROPLAN im muslimischen Teil der Altstadt von Sarajevo hatten wir eine gute Nacht. Der Heimweg ins Hotel hatte schon einen gewissen Grad an Vertrautheit, so sehr, dass einige schon die eher dunklen Abkürzungen genommen haben, um schneller ins Bett zu kommen – denn morgen bzw. heute ist unser letzter, gemeinsamer „Arbeitstag“. Zwei Themen sind angesagt. Zuerst treffen wir mit zwei Vertretern des CNA Sarajevo zusammen. CNA, das die das Center of Non-Violent action in Sarajevo. Tamara und Adnan Hasanbegocicz haben im Studienheim der Fransziskaner in Sarajevo einen Raum für uns organisiert. Hier dürfen wir dann auch im Anschluss die abschließende Reflexion und Evaluation unserer Friedensradfahrt absolvieren.
Der Schwerpunkt der Arbeit des CNA, erzählen Tamara und Adnan, liegt auf der Versöhnungsarbeit mit Kriegsveteranen. Das sind nun nicht generell „alte“ Soldaten, sondern Männer in den besten Jahren, die den Krieg in Ex-Jugoslawien auf den verschiedenen Seiten erlebt haben. Durchgemacht ist sicher auch ein angemessenes Wort. Diese Männer melden sich zu dem Seminaren an, in denen sie gemeinsam mit ihren ehemaligen „Feinden“ die gemeinsame Kriegsgeschichte bearbeiten. Der gemeinsame Besuch von Gedenkstätten und Gedenkorten – in vielen Dörfern und Städten sind von den Veteranenverbänden Räume eingerichtet worden, in denen die Fotos der Toten hängen – ist für die Männer keine leichte Übung. Im Gegenteil. Viel schwerer als im Krieg zu töten, wie in den filmischen Dokumenten, die die Leute vom CNA herausgegeben haben, zu erkennen ist. Die meisten dieser Männer sind zur Versöhnung bereit und ihre Worte (im Film) zeigen auch eine Art von Dankbarkeit, dass sie einen Rahmen bekommen haben, in dem sie sich sicher und geführt ihrer eigenen Vergangenheit stellen konnten, ihre (Un)Taten und Unterlassungen, ihren Schmerz und ihrer Trauer bekunden und vor einander eingestehen.
Was Tamara und Adnan hier in den Städten und Orten Bosnien-Herzegowinas leisten ist ein unerhörter Dienst an der Gemeinschaft der Zukunft. Ihre Arbeit trägt auch Früchte, wird fragmentarisch in der Öffentlichkeit (Print, TV) erkannt doch das öffentliche Klima für dieses Thema ist noch wenig entwickelt. Aber man ist zuversichtlich und das mit Recht. Es ist auch deutlich spürbar, wie die beiden Peace-Builder es schätzen, dass wir ihnen zuhören, dass sie mit uns teilen können, auch das, was nicht leicht mitzuteilen ist. Unsere Wertschätzung ihrer Arbeit ist ein bisschen wie frisches Wasser auf einer langen Wüstenwanderung, ein bisschen Oase in einer Welt, in der sich die Meere des Leidens, der Trauer, der Angst und Verhärtung sehr schwer teilen lassen. Aber es geschieht – und das zählt!!
Weit mehr noch: Ohne diese Aufbauarbeit des CNA von innen her wird es noch lange kein fundiertes gemeinsames BiH geben und die Politiker/innen dieses schönen Landes werden sich immer wieder – mehr oder weniger freiwillig oder gerne – im Dschungel des Daton-Abkommens oder jenen Blockaden, die es mit sich bringt verlieren, was gleichbedeutend ist mit der dominanten Resignation, in der es sich für sehr viele ganz gut leben lässt; und die noch immer allzuvielen politisch Verantwortlichen, denen die Differenz zwischen Eigen- und staatlichen Gemeinwohl auch eineinhalb Jahrzehnte nach dem Dayton-Abkommen noch immer nicht bewusst ist. Der Vormittag mit Tamara und Adnan allein hätte die 1400 km Friedenradfahrt verdient. Für mich war dieses Treffen und das Gespräch über die Versöhnungsarbeit ein Highlight, das mich noch lange begleiten wird.
Seit mehreren Tagen schon sind die Ab- und Heimreisefragen in den Vordergrund gekommen. Wer fährt, wann, mit wem und wie wohin – ? Der Begleitbus von Dieter und Hubert gefahren, wird nach Wien gehen und Räder transportieren, zwei von uns müssen nach Graz und fahren mit dem offiziellen Bus, der von Sarajevo nach Graz geht und auch Räder mitnimmt. Und ich habe mich für eine ganz andere Lösung entschieden: Ich werde mit dem Bus von Sarajevo nach Mostar fahren und von dort über Medjugorije und Neum das Meer zu erreichen versuchen und dann entlang der kroatischen Adriaküste meinen Heimweg zu nehmen.
So herrscht allgemeine Aufbruchstimmung und vorsichtiges Händeschütteln beim bosnischen Fast-Food-Wirt, den wir alle gemeinsam „heimsuchen“. Geht gut, tut seinen Zweck, nährt seine Leute und schließlich treffen wir in der Konditorei vis-a-vis (ein toller Laden im muslimischen Viertel) noch einen jungen Mann, einen Albaner, der nach 17 Jahren in Wien nunmehr die Geschäfte seiner Familie in Sarajevo und Mazedonien führt, vier Mal im Jahre etwa zu seinem Vater nach Wien fährt, wo er als Arzt (im Krankenhaus zum Göttlichen Heiland) seit vielen Jahren schon seinen Dienst tut. Das Wort „Göttlicher Heiland“ in einer sarajevo’schen Konditorei, aus dem Munde eines wienerdeutsch sprechenden Albaners zu hören – also das hat schon einen gewissen Reiz.
WIR ziehen einmal mehr heimwärts, auf nun schon vertrauten Wegen zu „unserer“ kleinen Moschee hinauf, in deren Schatten unser Begleitwagen sicher geparkt ist und deren Minarett wie ein gespitzter Bleistift die dünnen, mondlichtdurchlässigen Wölken am Himmel kratzt.
++
Tag 20 (Mittwoch, 21.9.2011) Sarajevo.
UNO Weltfriedenstag, Internationaler Gebetstag für den Frieden (Ökumenischer Rat der Kirchen – ÖRK)
Das kalte Geklapper der Stahlrohrstühle auf dem Marmorboden des Frühstücksraumes im Hotel, das krächzende Gequietsche, wenn die chromglänzenden Stuhlbeine beim Stühlerücken aneinander klackern und die von einem eigenartigen Hall verstärkten Gespräche den Raum füllen wie ein unendlicher Schwarm von Pfeilen, die sich schutzlos über dich ergießen – das ist dieser Morgen im Hotel.
Nun sind wir in Sarajevo. Rund 1400 Kilometer über Berge und Pässe, 19 Tage bei schönem Wetter und strahlendem Sonnenschein und überaus angenehmen Temperaturen durch wunderschöne Landschaften geradelt. Das Bild vom Tal der Drina, entlang der Grenze zu Serbien, von ausgesuchtem Liebreiz und eine Wohltat für das Auge, das die ruhigen Bilder des langsam fließenden Flusses aufnimmt und zur Seele durchreicht. Aber jetzt sind wir in Sarajevo und es ist Weltfriedenstag und wird sind erwartet. Deswegen sind wir hierhergekommen. Die Leute vom Internationalen Peace-Network Sarajevo haben auf einem zentralen Platz Zentrum von Sarajevo ein überdachtes Podium aufgestellt, einen Kinderchor organisiert, zahlreiche Aktivistinnen von verschiedenen befreundeten Organisationen motiviert, Politiker/innen aus Stadt und Region eingeladen, Diplomaten aus den Botschaften und europäischen und internationalen Organisationen, die sich überaus zahlreich in Sarajevo eingerichtet haben. Gekommen sind schließlich ein Abgesandter der amerikanischen Botschaft, die Kommunkatonschefin der Stadt Sarajevo, Amela Obodasic (sie moderierte die Veranstaltung), wir Friedensradfahrer/innen mit Fahrrad und „Leiberl“ ausgerüstet und jede/r mit einem Satz oder Gedanken, der vorgetragen werden sollte. Wir haben 10 bis 15 Minuten bekommen – und, ehrlich gesagt, es war uns eine Freude – sie mit unserem Beitrag zu füllen. Und schließlich blieben viele Leute stehen und hörten den Ansprachen und unserem Lied zu. Wir hatten uns einen „Klassiker“ aus der Liedersammmlung der Friedensbewegung ausgesucht: „We shall overcome“ nämlich und bei der vierten Strophe – „We’ll walk hand in hand“ ist es uns gelungen, die Menschen dazu zu bringen, sich die Hände zu reichen und mitzusingen. Edo, ein grauhaariger Geschäftsmann – er macht sein Geld im Handel mit Palmöl aus Malaysien – war berührt und bewegt von der kleinen Feier erzählte er mir nachher bei einem Espresso und „indian salad“ (sehr empfehlenswert im Café Cordoba). Er habe und er habe gespürt, dass wir es ernst meinen, denn das fühle man im Inneren, im Herzen, sagte er und freute sich, dass wir uns getroffen haben.
Bevor wir um 15 Uhr beim High Representative für Bosnien und Herzegowina, Dr. Valentin Inzko, zum Empfang antreten, gilt es, sich radelnd durch Sarajevo zu kämpfen – eine nicht zu unterschätzende Leistung! Die Securities vor dem OHR-Gebäude checken uns freundlich, bewachen die abgestellten Räder und los geht’s. Der „HiRep“ ist in der Sache topfit, macht einen guten Eindruck. Seine Einschätzung zur Lage in BiH ist realistisch, sehr realistisch. Die Lage in BiH stagniert, unumwunden und mit einem – eigentlich undiplomatischen Bedauern in der Stimme – ist damit alles gesagt. Klar, ein Dayton II wäre wünschenwert. Die momentane Verfassung ist eine Sammlung von Blockaden und die Politik in BiH ist dem Egoismus und einer Art Auslöschungsangst, die in den Volksgruppe grassieren, geprägt. Inzko kennt das Land wie seine Westentasche, ist mit seiner Geschichte vertraut, spricht von seinen Vorgängern. Aber im Auge und im Herzen hat er die Potentiale, die er aufzählt und fast jedes einzelne Feld das er erwähnt, können wir – aus eigener Anschauung – bestätigen. Initiative und Entwicklung bezeichnen Mangel und Chance, Blockade und Lösung – wie ein langes, monotones und paradoxes Gebet, begleiten uns diese Begriffe, wie eine hoffnungsträchtige Last.
Leider findet die angekündigte Probe des PONTANIMA-Chores in der Kathedrale zu Cyrill und Method in Sarajevo nicht statt, sodass wir in ein schönes RESTORAN namens AEROPLAN in der muslimischen Altstadt stolpern, und uns das eine oder andere bosnische Nationalgericht geben, wie üblich mit Pivo und Jabukka Voda without gaz – und – zur Feier des Tages – ein wenig Trappistenkäse und ein Glas bosnischen Rotweins. Das wärs – ist natürlich längst nicht alles, in diesen Tagen.
Die Heimfahrt der Radler/innen – ich selber hänge noch eine Zeit dran, plane, nach Mostar, Medjugorje und schließlich an die kroatische Adriaküste zu fahren – nimmt einen gehörigen Teil der Energie in Anspruch. Die Räder in den Bus, der von Dieter und Hubert nach Wien gefahren wird – die Leute nehmen einen Bus nach Wien, wo dann Rad und Frau/Mann wieder zusammenfinden sollten. ++
+++
Tag 19 (Dienstag, 20.9.2011) _ von Olovo nach Sarajevo _
Die Nacht war kurz, denn es gab noch einiges zu schreiben (Schlussbotschaft). Und es war spürbar kalt in der Pension Panorama (wieder einmal). Auf dem Balkon unseres Zimmers stehen, schaue ich in das nebelverhangene Tal und die Höhe, wo nichts als Grau und Nebel feucht glänzen. Zusammenpacken und zum Frühstück. Das „Guten Morgen“ für die Kollegen/innen eher zurückhaltend. Das Frühstück sieht nach Notration aus. Eher karg und der „Nesclassic“ aus dem kleinen Tütchen zum heissen Wasser oder heisser Milch – naja, das Gelbe vom Ei ist das auch nicht gerade. Schönen Gruß an Mr. Clooney, der sicher noch nie her gefrühstückt hat. Wir verschieben die Abfahrt eine halbe Stunde und hoffen – zuerst auf trockenes Wetter und nach einer Viertelstunde Regen einfach auf nicht mehr so viel Regen.
Ab dafür – das Gepäck in den Begleitwagen. Dieter Zumpfe ist heute Chaffeuer. Hubert Fasching hat den Job gestern erledigt, gut und hilfreich. Heute darf Hubert mitradeln – er freut sich auf einen „bewegten“ Tag und seine Ausrüstung ist mustergültig: Gore-Tex vom Haupt bis zur Leibesmitte, dann die Hose, is kurz übers Knie, dann nichts bis zum Knöchel, und dann feinstes, glasklares Plastiksackerlzeugs, das über die Schuhe gezogen und leicht über dem Knöchel von einem Schnürchen zusammengehalten wird. So wie der Mann vor mir steht, denke ich an einen Primararzt, zugerüstet für den Operationssaal – naja, ein bissen bunt vielleicht oben herum – aber die keimfreien Plastikübersocken geben einfach den Rest: Danke, Herr Primar, tönt es aus allen Ecken, dass wir heute mit Ihnen unterwegs sein dürfen! Auch wenn herzliches Gelächter, der Hoffnung letzte Waffe sei, wie Harvey Cox (Das Fest der Narren) meinte, hier und heute in Olovo bleibt sie stumpf. So taufen wir im Laufe des ersten Aufwärts-Kilometers die liebe, kleine Stadt von „Olovo“ auf „Oje-lovo“ um. Gut, dass der Bürgermeister uns nicht hört und zur Passhöhe sind es ja sowieso nur etwa 15 km, oder 18 – oder so eben!
Insgesamt dürfen wir uns nicht beklagen. Es sind ja nur rund 60 km bis Sarajevo – die Hälfte ist also sicher bald geschafft und nach der Abfahrt geht es ja durchaus leicht abfallend dahin, bis zur Mittagspause in einem RESTORAN an der Straße. Im ersten Stock scheint man für uns reserviert zu haben. Sofort kommt der KELLNER bringt PIVO, Jabukka und Voda – und, man höre und staune – Kamillentee, aber insgesamt alles heilsame Nässe in einem realtiv warmen Raum, wo einem die Fahrgemeinschaft nahe ist – bei Cevap, Corba (= Suppe), Salad sesonski et cetera…
Noch 20 km bis Sarajevo. Einteilung der Gruppen. Viel Verkehr. Enge Strasse. Sehr viele LKW. Busse, die jeden freuen Zentim. eter Aspahlt nutzen und wenn es der Zentimeter ist, auf dem gerade dein Vorderreifen rollt. Unter den Regenhäuten rinnt der Schweiß beim sanften Anstieg hinauf. Sarajevo liegt zwar im Talkessel unten aber dorthin kommt man nur über den einen oder anderen Berg. Wir fahren in Gruppen zu Acht und lassen dann mindestens 40 m frei, damit ein LKW beispielsweise beim Überholvorgang eine Pause einschalten kann und der ihm entgegenkommende Verkehr nicht in den Strassengraben gezwungen wird, was wir schön desöfteren erlebt hatten.
Na dann, 5 km, 10 km – kleine Vorstadt auf der Höhe, 15 km Stadtrand, Stadtgrenze. Ampeln werden rot und grün und reißen die Gruppen auseinander. Umschauen ist risikoreich, nicht umschauen ebenso. Dreispurig geht’s in die Innenstadt, dann links ab und zwischen den Gleisen der Strassenbahn, hupend gehetzt von Taxis, geht es voran und dann endlich ein Hinweisschild zum HOTEL HAYAT – angekommen. Wieder ein Tag ohne Unfall. Wieder in Sarajevo. Alle mögen die Stadt. Das muslimische Viertel bietet, was man zum Leben braucht und auch alles, was überflüssig dafür ist. Die Fußgängerzone ist weitläufig, die Cafés sind vielverprechend, die Stadt hat etwas, weit mehr als der Mythos verspricht, so sehr er sie verzaubert. Der Muezzin ruft und hinter der nächsten scharfen Kurve links ab – aufwärts natürlich – dem Hotel-Hinweis nach, und hinauf wo das Minarett in den graue, regnerischen Spätnachmittag sticht und gleich vis-a-vis der Eingang zum Hotel, wo die Radfahrer-Schäfcehn ins Trockene finden, nach und nach in den Zimmern verschwiden, duschen und dann zur abendlichen Vorbesprechung in die Lobby kommen. Sarajvo! Wir haben es geschafft – 1400 km in einem sehr gebirgigen, wunderschönen Bosnien-Herzegowina waren wir unteregs, haben Menschen getroffen, mit ihnen gesprochen, sie haben uns von sich erzählen und wir ihnen von uns. Manche Leidengeschichte war darunter und immer auch der Wille, sich nicht der Resignation zu ergeben, den Verhältnissen nicht zuviel Recht einzuräumen, gegen das Erfahrungswissen den Glauben zu setzen und zu hoffen, wider alle Hoffnung… +++
Tag 18 (Montag, 19.9.2011) – von Tuzla nach Olovo _Es hat sich ganz gut angelassen. Blauer Himmel. Bisschen zu föhnig, vielleicht. Jedenfalls, keine Klagen. Das Hotel wird ausgebaut, ein Zubau bemerkenswerten Ausmaßes. Das wird ein gutes Geschäft. Berge von Styroporplatten liegen herum, die Arbeiter isolieren die Betonziegel des dreistöckigen Anbaus. Dann verlassen wir auch diese gastfreundliche Stätte, wo du das Zimmer mit Frühstück buchst und der Kellner dir dann eine Rechnung für zwei Kaffees bringt. Andere Länder andere Sitten. Wo bei man berücksichtigen muss, dass sich niemand beschwert, wenn du die Rechnung einfach übersiehst.
Also, los – BiH ist ein gebirgiges Land, also: aufwärts, der Sonne entgegen und Olovo entgegen, unserem heutigen Tagesziel. Gemächlicher Anstieg, spürbar die Muskeln, der Begleitwagen, heute von Hubert wieder profimässig geführt, besorgt Wasser in einem kleinen Geschäft am Weg. Pause und Zusammenwarten beim Feuerwehrhaus, vis-a-vis eine Villa, die ihrem Besitzer deutlich sichtbar Respekt einträgt. Abfahrt – hinein in ein liebreizendes Flusstal, bei diesem Wetter und diesem Hineinrollen in den Tag wird klar, dass der liebe Gott ein Radfahrer ist. Trotz der Berge, der Strassen, die gefurcht sind von Spurrillen unglaublichen Ausmaßes, bei Regen ist so etwas der Sturztod des Radlers, rollst du hinter deiner/m Vorderfrau/-mann her, aufmerksam und konzentriert im Windschatten, in dem es sich gut ausruhen lässt.
Die Mittagspause auf der Höhe eines Passes bei einem Teller gegrilltem Schaffleisch und einer kleinen Portion Cevap, einen gemischten Salat, „Jabukka“ (Apfelsaft) und „voda non gaz“ – so lässt es sich friedlich leben – wären da nicht der aufkommende Wind wäre und die schwarzen Wolken am Horizont. Klar, wir haben die Zeitung gelesen, die Wetterberichtsbildle studiert nach 17 Tagen genialem Schönwetter mit Sonne und Hitze. Es wird regnen. Hinunter ins Tal nach Kaladej und der nächste Pass vor Olovo zwingt uns auf 996 m Meereshöhe – und es beginnt zu tröpfeln. Dann geht’s los, Regenjacken, Regencapes, Kopfbedeckungen, Überschuhe, Rucksackschutz. Die Friedensradfahrer/innen sehen aus wie eine Invasionstruppe aus dem Gürtel des Pegasus. Und das phänomenale Regencape hält die Nässe von aussen wirklich ab. Man trägt so etwas vermutlich, damit man in Ruhe und im Trockenen gut schwitzen kann – denke ich und sehe rechts vorne einen der freilaufenden Hunde, der auf mich wartet – bilde ich mir ein. Ich gehe kurz aus dem Sattel, schüttle das Wasser ab, das sich vor meinen Augen im Regencape versammelt hat, es ist ein Flattern zu hören – und, siehe da, der Hund macht kehrt und läuft in meine Richtung weg, aber eben nur viel schneller. Mit wird leichter – und den Hund sehe ich nicht wieder!
Dafür habe ich die Passhöhe erreicht, sturznaß, aber von innen her. Die anderen haben es sich in einem RESTORAN unter Dach bequem gemacht, wollen trocken werden und dann die verbleibenden Kilometer nach Olovo hinein unter die Räder nehmen. Ich „melde mich ab“ und es geht ziemlich rasant abwärts, bremsen ist eher gefährlich und die Spurrillen der LKW und Busse haben sich mächtig in den brüchigen Asphalt eingeschrieben. Doch Olovo naht und bei der Autobuska Stanica stelle ich mich unter das Vordach einer kleinen, aufgelassenen Kaffeebude. Der leichte Regen hat den etwa 12jährigen IZET nicht abgehalten, sich zu mir zu stellen, mein Fahrrad ganz vorsichtig zu berühren und sich in seiner mir leider Gottes unverständlichen Muttersprache nach meinem Herkommen und meinem Ziel zu erkundigen. Wir verstehen uns blendend, er zeigt mir die CRKVA CATHOLOCKA – natürlich wieder jenseits des Tales, in der Höhe über dem Städtchen. Allmählich trudeln die Kämpfer aus dem Gürtel des Pegasus ein, fragend, lachend, hoffend auf trockene Unterkunft, am besten gleich um die Ecke. Nix da, die Pension Panorama, sagt der junge Zlatko, der mit seinem Auto gekommen ist, um uns ins Quartier zu bringen. Nach zwei Anläufen finden wir seinen Laden, wo es Zimmer, eine kalte Dusche (für den Anfang), etwas zu essen und WiFi ohne Ende gibt.
Einmal mehr ist die Welt wieder in Ordnung geraten. Vorläufig und gewiss, wie das Leben selbst. Arbeit am Logbuch, Arbeit an der „Schlußbotschaft“ für übermorgen in Sarajvo, dann ins Bett. Ende. Morgen, nach Sarajevo. Letzter Tag. Regen ist angesagt. Über dem Tal hängt dicker Nebel.
+++
Tag 17 (Sonntag, 18. September 2011) Begegnungstag in Tuzla _ Ein Sonntagnachmittag in Tuzla. Irgendwie vertraut aber auch sehr fremd. Befremdend, eher. Der Blick aus dem Zimmerfenster ist eher verschleiert, bedingt durch Farbe und Material des synthetischen Stoffes. Schön ist, dass wir Zeit haben bis 11 Uhr, das erlaubt das erlaubt den gewissen Luxus unverplanter Zeit. Sonntag eben. Die Taxis in sind ok. Drei Minuten nach dem Anruf steht eines da und bringt uns zur Franziskanerkirche. Ein modernes, in schlichtem weissem Marmor gehaltenen Gotteshaus. Die Kirche ist zur 11h-Messe gut besucht. Der Organist legt sich ins Zeug, der kleine Chor nicht weniger. Die Lieder klingen „wie es sich gehört“, ein wenig schwermütiger als die unseren, vielleicht die slawische Seele … Jedenfalls: Alles wie es sich gehört, ein vertrautes Ritual für uns und für die Gemeinde, man stimmt ein, die „vibrations“ stimmen…
Vedran ist 16, Gymnasiast und hat einen Sonntagsjob bekommen. Verwandtschaftspflichten, eben, erbeten von Frau Zorica, mit der seine Familie um zwei Ecken verwandt ist. Vedran spricht Deutsch, gut sogar und er führt uns durch das Zentrum. Vorbei am Srebrenica-Gedenkplatz vor der Moschee zur Kapia, jenem Platz an dem am 25. Mai 1995 (dem Geburtstags Titos) abends eine von der Armee der Republika Srpska abgefeuerte Granate 71 junge Menschen, die sich hier zu einer schulischen Abschlussfeier versammelt hatten. Mir kommt in den Sinn, dass die Kapia in Ivo Andrics Roman „Die Brücke über die Drina“ der Hauptschauplatzund Angelpunkt aller Episoden und Geschichten des Lebens in Visegrad war, eine Art Angelpunkt der kommunikativen Welt des romanesken Ortes. Hier, in Tuzla, ist die Kapia eine Gedenkstätte geworden auf der die Namen der jungen Leute in Marmor gemeisselt, gerade wie jene in Srebrenica und vermutlich an vielen anderen Orten jeder Volksgruppe, die den Krieg erlitten und/oder mitgemacht haben. Das ist in diesem Land gewöhnlicher Gedenkalltag. Während meine Mitradler/innen weiter durch die Furssgängerzone geführt werden, entscheide ich mich für das Sonntagsmodell und
nehme Platz im Café vis-a-vis der KAPIA und lasse mich – so verankert – vom gemächlichen Rhythmus an einem schwül-heissen Sonntagnachmittag mitnehmen. Bei Café, Wasser und einem „Omlet za shunko“ (Schinkenomlette) zieht das Leben im Städtchen an mir vorbei und erlaubt in den Pausen, den Gedanken nachzuhängen. Große muslimische Familien (an den Kopftüchern der Frauen erkenntlich), die bekannten Mama-Papa-Kind-Hund-Familien, einzelne ältere Herren und ältere Damen und sehr, sehr viele, sehr, sehr chice junge Damen, manchmal in Begleitung eines nicht weniger chicen jungen Mannes, öfter aber in Grüppchen die sich köstlich amüsieren und dabei ihr Eis schlecken, das so süß ist wie das Gekicher und aufgeregte Getratsche. Ob sie wohl an ihre ermordeten Kollegen/innen denken, von Zeit zu Zeit, einmal im Jahr vielleicht, am 25. Mai … vielleicht?
Die Helsinki-Citizen-Assembly hat Zweigstelle in Tuzla und Miralem Trusinovic leitet sie. „We are working with youngsters“ ist der wiederkehrende Refrain seiner Erklärungen, in denen der Krieg, die Verteidigung Tuzlas gegen welche Feinde auch immer, und das Engagement für Bürger- und Menschenrechte und für die Demokratie die Hauptrolle spielen. Miralem ist nicht nur in Tuzla in diesen Dingen unterwegs. Er wird bei Konflikten an der Grenze zum Kosovo gerufen und ist auch ins internationale Geschehen eingebunden, immer in seiner Repräsentanz der Helsinki-Citizen-Assembly. Seine Worte sind klar, direkt und offen. Auch wenn es um Europa geht, gleich in welcher Hinsicht. Und die Entwicklung Europas ist mit der Helsinki-Bürger-Bewegung wenigstens so intensiv verbunden, wie sich viele Menschen in Bosnien-Herzegowina nach Europa hineinwünschen.
Vorerst aber ist Realismus angesagt. Resignation und Korrpution und Leute, die es sich gut gehen lassen können hier, mit ihren großen Autos und den Bekannten, die sie hier finden. Man lebt gut hier – sagt Miralem und der Zynismus gewinnt für einige Sätze die Oberhand über die Resignation – ein Haus hier in Tuzla sei leicht zu haben und es seit durchaus zum Aushalten – unter den Bedingungen eben, die man als Mitarbeiter einer der zahlreichen NGOs oder europäischer oder anderer Institutionen halt so habe. Das Büro seiner Organisation hat mehrere große Räume. In einem der Räume lagert das Werbematerial (Stickers, Aufkleber in jeder denkbaren Form, Plakate in allen Formaten) gestapelt in Regalen, Schachteln oder eben offen da liegend und auf den Einsatz für soziale Gerechtigkeit, mehr Demokartie, mehr Menschenrechte wartend. In Wirklichkeit aber – Miralems Stimme wechselt ihren Ton und wird fast militärisch, fordernd jedenfalls – gehe es um die Youngsters. Samir und sein Freund aus dem Jugendzentrum, wo sie mit deutscher Finanzhilfe mit Kindern an einer kommenden Zukunft arbeiten, sind in sein Büro mitgekommen und müssen nun die „Ansprache“ des „großen Freundes“ (so wirkt das allas auf mich) aushalten.
Samir spricht sehr gut Deutsch und unter heftigem, wortlosem Zustimmung nennt er auf die Frage nach seinem Herzenswunsch: Frieden, Frieden – und er spricht auch seinen Ahnung aus, dass dieser Friede, den er meint, nicht (nur) von aussen kommen kann, sondern dass er von innen her, aus dem Miteinander der so oft resignierenden Menschen wachsen muss. Die jungen Leute und Miralem, ihr Förderer, wissen, dass es auf sie ankommt. Mit einem fast schmerzlich klaren Blick erfassen sie ihren Situation, die ihr Leben ist, ihre Hoffnung und die einzige Möglichkeit eines guten, aus eigener Kraft gestalteten Lebens. Für einen Augenblick meine ich, den Bischof von Banja Luka hinter Miralem und Samir stehen zu sehen und den Umweltaktivisten Tihomir, die Schüler/innen von Gorni Vakuf, mit denen wir durch ihre Stadt gezogen sind, aber auch Miljan und Cedomir aus Bratunac, Njelka und Admir in Donji Vakuf, die kein „Dach“ finden in ihrer Stadt, wo ihre Arbeit eine Heimat finden könnte. Sie stehen für ein Bosnien-Herzegowina, das es hier und heute noch nicht so gibt, das aber doch schon in den Köpfen und Herzen mancher Menschen (und wir haben nur einen sehr, sehr kleinen Teil von ihnen getroffen) bereits lebt.
Während Miralem frei heraus von Tito und seiner persönlichen Wertschätzung für ihn spricht, denke ich an Leopold Kohr, den aus dem kleinen Österreich stammenden, großen Nach-Denker und Wert-Schätzer von allem was „small“ ist und der genau darin, die Schönheit aufblitzen sah. „Small is beautiful“ – vielleicht sollte man Kohrs Büchlein über das Wunder der Kleinheit und die unerhörte Macht der überschaubaren Grössen den heutigen Zukunftskämpfern/innen zu lesen geben, wie eine Bestärkung und ein Heilmittel für das menschliche, gesunde Mass für ein mögliches, gesundes Leben.
++++
Tag 16 _Samstag, 17.09.2011, Srebrenica, Zvornik ,Tuzla
Wir haben heute eine „ordentliche“ Strecke vor uns. Etwas über 100 km sind angesagt. Abends sind es dann 115 km geworden und wir sind in Tuzla. Gut angekommen. Schön war, dass uns Zorica und Milenko entgegen gekommen sind. Das kroatische Ehepaar flücht lebt in Lilienfeld (A) und hat bei der Vorbereitung der Friedensradfahrt mitgeholfen, haben ihre sehr lebendigen Beziehungen in ihr Heimatland, das sie während bzw. nach dem Krieg verlassen haben, „spielen“ lassen. Das Restaurant an der Drina kurz nach Zvornik jedenfalls war eine gute Adresse. Dazu kam, dass vor dem Restrauant ein dunkelroter Renault mit Feldkircher Kennzeichen stand, in dessen Nummernschild-Rahmen der Name „Auto Malin, Sulz“ geschrieben stand. Die Welt ist klein, odr?
Unsere Pension in Srebrenica liegt an der Strasse eines ziemlich engen Tales. Auch am Morgen nach einer ruhigen Nacht, sind die Gedanken sofort beim Memorial in Srebrenica. Bei den Kriegsgechichten, den Hassgeschichten, bei jener Angst, die ganz eigen nach „homo homini lupus“ riecht und in den Seelen wohnt, wie ein schlafender Hund. Es geht bergab, zuerst ins graue Städtchen Srebrenica hinein, trotz der drei, vier Häuserreihen, die man – aus Kalkül oder Trotz, wer weiß das schon – bunt angestrichen hat und trotz der Morgensonne, die das Tal zu wärmen beginnt, ist da ein leises Frösteln, als die alte Batteriefabrik rechts vorne auftaucht. Ich will fünf ruhige, wortlose Minuten zwischen den Gräbern der Muslime und dem einzigen katholischen Grab der Familie Aleksandar Rudolph, die auch hier ihre letze Ruhe gefunden haben. Ein bedachtsamer Tagesbeginn, angesichts der tödlichen Geschichten, die hier mit unendlichem Leid und grenzenloser Angst in die europäische Geschichte geschrieben ist, die auch – zum Teil wenigstens – meine ist. Ich wandere zwischen den Gräbern und ein Gedanke geht an die Generäle Mladic und Oric mit deren Befehlen hier gemordet und getötet worden ist, das Echo unsäglicher Unmenschlichkeit mit dem wir leben müssen und auch an den UNO-General der Srebrenica schützen sollte und dessen verhalten zum aktuellen Menetekel für Sokrates’ Weisheit geworden ist: Wer handelt, wird schuldig und wer nicht handelt, ist schuldig.
In Bratunac erzählen uns die beiden serbischen Peace-Builer Miljan und Dschahat von ihrer schweren Arbeit mit jungen Menschen in diesem Landstrich. Sie kennen den allgegenwärtigen Hass in den Döfern und Städtchen, das unter- und hintergründige Netzwerk des alten, hassgetränkten Denkens, Meinens und Glaubens, das die beiden immer an der Grenze zu Resignation hält. Jetzt sei es schon ein wenig besser geworden, aber als sie vor 10 Jahren begonnen hätten, mussten sie Jugendliche, die sich in ihren Seminaren engagierten in die Cafés begleiten, um sie vor Angriffen und Attacken zu schützen. Kein gutes Leben auch in diesen Tagen, in denen die Mühen und Lasten zunehmen, die Hilfe weniger wird und Erleichterung und Entspannung, die ein „normales“ Leben mit sich brächte, in eine unerkennbare Zukunft verschoben ist. „Wir möchten einfach auch wie andere Menschen an unsere Ferien denken können, ob wir ans Meer fahren oder in die Berge, einfach leben, sagt er mit ein Klang resginierender Aggressivität in der Stimme und lächelt seinem Chef und Partner von Jugendzentrum zu, während der sich eine der unzähligen Zigaretten anzündet, die er tagtäglich in sich hineinsaugt. Das war Bratunac.
Die unendliche Schönheit des Drina-Tales nimmt uns auf. Wir denken an Ivo Andirc und seine Brückengeschichten, die in Visegrad – ein Stück südlicher – spielen. Ein bisschen ist es wie in der Wachau und wir stellen uns vor, wie gefragt dieser Weg in einem Konzept europäischer Radwege wäre, mit den herrlichen Ausblicken, den Erholungsmöglichkeiten und der Beziehungswelt, die hier entstehen könnte zwischen den Gästen und den Einheimischen, welche „Befreiung“ vielleicht auch, wenn Teilnehmen, Teilgeben und Teilhaben zu einer einer fundamentalen, europäischen Charta werden könnten.
Die restlichen 50 Kilometer von Zvornik nach Tusla bringen viel Hitze und frühherbstliche Sonne. Schweißtreibend die sanften aber langen Anstiege; und zwei davon enden mit 10% auf rund 800 m, nicht so schlecht – bis wir nach einem reichen Tag unter Führung von Milenko und Zorica – vorbei an den Hochhäusern Tuzlas unsere Pension erreichen, wo es zu Essen, zu Trinken und eine funktionierende Dusche gibt. TUZLA ist ein bekannter Name. Morgen werden die Stadt erobern unter Begleitung eines jungen Mannes, der uns wohl zeigen wird, was ihn hier hält. In diesem Sinne, auf eine neue Stadt, neue Geschichten und neue Einsichten… es gibt einiges zu entdecken. – Und: Es freut mich sehr, um Euer aller Begleitung zu wissen – die Zeit verfliegt, nur noch wenige Tage bis Sarajevo!
Salut! ++
________________________________
… willkommen zum Logbuch! Hier sind die “privaten” Beobachtungen, Ereignisse und Gedanken und ‘Meinungen’ zu verfolgen, nach Möglichkeit täglich neu und so aktuell es geht.
Dienstag, 30. August 2011 _ Fahrkarte besorgen, Auslandskrankenscheine, Reiseversicherung, Rückholversicherung, Fahrrad auf Vordermann bringen, Packliste herausholen, Leute informieren, dass und so weiter….
Mittwoch, 31. August 2011 _ Die Zeit rückt. Ob man will oder nicht. So ist sie halt, die Zeit. Den Leuten vom Balkan sagt man nach, dass sie anders umgehen mit der Zeit. Mit ihrer aber auch mit unserer – “unserer” ? – was ist denn das? Wenn, dann möglicherweise mit meiner – also: “meiner” (!) – Zeit. Mit solchen Gedankenspielen nehme ich mein “Dienstfahrrad” – meine Frau Gemahlin hat es fast 15 Jahre verwendet und für die kleinen Wege ist es noch ein ganz hervorragendes Vehikel. Und dann komme ich nach Hause. Schon unterwegs hatte ich den Kopf nur bei meiner Reise und machte mit Gedanken, ob für die Begegnungen mit den Damen und Herren Bürgermeistern, bei Bischöfen und Mutftis, wohl besondere Kleidungsvorschriften gelten? Von Seiten der “Organisation” war in dieser Hinsicht bis dato nix zu hören gewesen.
Aber gut, ich habe ja auch nicht ausdrücklich gefragt. Und so schaue ich im Café Babel nach, wie das mit dem Rücken der Zeit in Sarajevo ist und wie mit der Kleiderordnung. Und man findet Antworten im Café Babel. Vielleicht keine ewiggültigen aber für morgen und übermorgen reichen sie allemal, halten dich auf dem Weg und in Bewegung. Die Poesie des Freibeuters Pasolini hat es bis hierher geschafft, ist sogar ein bisschen verwurzelt unter den zornigen, jungen Multikultis da, die sich zwischen und manchmal wohl auch “in” Minenfeldern bewegen und cineastische Blüten finden – ob sie duften? Und wonach? Solche Herzensfragen beantwortet ein kulturhistorisches Datum: 20. Juli 2011 – McDonalds siedelt sich in Sarajevo an – und was das für die
Ćevapčići bedeutet? Und für die Kleiderordnung? Eines sicher: Die Zeit rückt – und am 21. September weiß ich sicher mehr, denn dann ist der Internationale Weltfriedenstag der UNO und in Sarajevo wird gefeiert, ein bisschen wenigstens, hoffentlich, mit den vorletzten Cevapcicis und einem Haufen netter Leute. Tja, die Zeit rückt! _friedenstour
PS.: Der Cityblog Sarajevo bringt unsere Presseaussendung in englisch – allein schon dafür könnte man unbedingt klicken = > aber, wie immer, geht es um MEHR!
Donnerstag, 1. September _Fortsetzung vom 30. August in Sachen Fahrkarte. Mit Zug und Fahrrad nach Wien zu reisen. Der beste Zug der ÖBB nimmt dich schon mit aber nicht dein Fahrrad. Die ÖBB hat vermutlich den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Ein Fahrradtourenfahrer der sein Fahrrad nicht in einem Zug mitnehmen darf, in das Letzte. Also im Railjet darfst du kein Fahrrad mitnehmen, dafür kannst du einen Zug nehmen, der eine Stunde länger für dieselbe Strecke braucht. Eine durchaus gefinkelte Art jemanden spüren zu lassen, was man von ihm hält. Oder nur von seinem Fahrrad? Aber das Fahrrad und der Fahrer sind eins, klar! Eine echte Verschärfung neben dem erhöhten Zeitaufwand ist die Tatsache, dass der andere Zug keinen Speisewagen hat. Dafür aber eine Art “rollender Essenstisch” wo es um € 2,70 eine lauwarmen Schluck schwarzen, so genannten, Kaffees gibt und dessen Essangebote (Ausnahmen bestätigen die Regel) ? Eltern lieber von ihren Kindern ferngehalten sähen. Die Frage wie, ob das nötig ist? Ob das eine Schikane ist? Oder einfach hinzunehmen, wie das Wetter oder die Spielchen der Kollegen von der Telekom? Was immer – als radfahrender ÖBB-Kunde bist du gestraft, das ist sicher – wenn vemutlich auch nicht alles! _friedens(tor)tour
Freitag, 2. September _Aber, es geht voran. Endlich auf dem Albertina-Platz. Vis-à-vis, das Café Mozart, wo der Topfenstrudel lacht. Aber du kommst grad vom Frühstück geradelt. Bist am Stephansdom vorbei geradeaus an der Pestsäule am Graben und nach einen kleinen Heimweh-Schlenker, um einen Blick auf`s Hawelka zu ergattern, gleich an Ort und Stelle gelandet. Ist das richtige Wort: gelandet, denn die Luft ist von einer exquisiten Milde, frisch und von einer Kühle, die schon wieder den Sommermorgen vergegenwärtigt. Und dann kommen auch die ersten Bekannten. Bussi, Bussi, na wie gehts.
Und dann kommt ein ‘alter’ Freund, eine ehrliche Haut aus einem der Dörfer, die unsere Hauptstadt umzingeln, und du bist hin und weg über soviel einfache Herzlichkeit und Aufrichtigkeit. Wer zwanzig Tage radelt weiß diesen Rückwind zu schätzen, die anderen verstehen das sowieso nie im Leben. Also – dann, die Ansprachen (Botschaft, Organisator, Trägerinstitution), kurz bündig und hoffnungsfroh diplomatisierend mit Erfolgswünschen und einem aufmunternden “Enjoy Bosnia”. Klar ist zweierlei: Das ist ernst gemeint und zweitens, die Dame weiß von Fahrrädern aus den Schaufenstern, wo die silbrigen City-Cruiser glänzen, damit hat sichs dann. Das Denkmal vom Hrdlicka an dieser Stelle, mit den schwarzen Marmorblock, den du mit knapper Not als einen die Strassen Wiens schrubbt den Juden identifizierst, fährt dir ein, weckt den Schmerz. Ein sanftheller Blitz – ein wenig nur wie damals in Damaskus – und an diesem Morgen traust du dich und hörst, was es sagt. Die Erläuterungen Pete Hämmerles streuen nur noch ein wenig Salz in die gerade aufgebrochenen Wunden.
Dann in den Sattel, so gegen 10 Uhr – Donaukänale entlang, auf den Radwege der Bundeshauptstadt, hinaus in Grüne. Endlich gegen Mittag das Leithagebirge, der Neusiedler See glimmert irgendwie blau in der Hitze. Jetzt sind wir im Land, wo WEIN ein Familienname für einen Wirt ist. Und in Purbach gibts Schatten, keine Evangelischen, nur Katholische, im Pfarrheim das neu ist und “HEIMAT” heißt. Es gibt WEIN, Traubensaft, Wasser mit und auf Anfrage auch solches ohne Kohlensäure. Prima ist das alles und ein Reporter von der Kirchenzeitung ist auch da, zum Drüberstreuen. Die Kollegen/innen von den Printigen waren brav, die von den bewegten Bildern ließen sich durch sowas nicht bewegen. Jeder Tag hat sein (offenes) Gemeinis. Angelika ist die Kette vom Blatt gehüpft, ein Schaltfehler, wie man bemerken muss; an einem anderen Damenrad “streifte” etwas (ein kleines Plastikteilchen war verschütt gegangen, eine Frage der Besfestigungstechnik). Das Schild zeigt geradeaus und 9,5 KM nach Sopron. Einige meinen zu wissen, dass es aber links ab gehen müssen, wenn über Mörbisch nach Sopron wolle. Der hinzugezogene Ratgeber stand in der Wiese und kümmerte sich um seinen Tradktor. Freundlich meint er, das Schild sei immer schon so gewesen (geradeaus, 9,5 km) aber es meine in Wirklichkeit “links ab” und wir glauben ihm, nach einer Vergewisserung, ob er auch tatsächlich ein Burgenländer sei.
Als wir dann rund 2,5 Stunden später, langsam etwas angegriffen von der sehr langen, bewaldeten Einfahrt nach Sopron hinein (an sich sehr schön, wenn man eine 20km-Tour macht) beinahe Zentrum erreiht haben, kennen wir die Burgendländer und ihre auf Schilder bezogene Denkweise etwas besser. Über die Mühen, eine PANZIO namens Cittadella zu finden, mehr ein andermal. Jetzt aber, nach fast 110 km und einem ansonsten recht normalen Tourtag ohne Pannen und viel, viel Kennenlerngesprächen ist wenig passiert. Man ist unterwegs, in Sachen Frieden und der “Code Of conduct” wird sicher bald Bedeutung erlangen. Na dann, … <
Samstag, 3. September – Es wird heiss. Nicht nur die 140 Kilometer von Sopron nach Gyenesdias. Der Stadtteil von Keszethely liegt direkt am Balaton, das Haus, die Pension, unsereres Gastgebers liegt wenige Minuten Fußweg vom Wasser. Doch davon sehen wir schlussendlich sehr wenig. Zuerst geht es aus Sopron hinaus.
Und nach dem Feld von kleinen Glasscherben am Gehsteig und Strassenrand – jedes für sich eine kleine spitz Radfahrer/innen-Unfreundlichkeit – die Überbleibsel der Kollisionen der letzten Jahre -ist es kein Wunder, dass einem der Reifen, die Luft ausgeht. Das Holpern des Hinterrades provoziert zuerst verwunderlich-fragen Blicke, um gleich darauf die erschütternde Klarheit zu präsentieren: Der erste Patschen. Zaezilias Fahrrad, das Hinterrad, hat es erwischt. Ein neuer Schlauch, Spannschrauben auf, Kette aushängen, Rad heraus, Mantel herunter, Schlauch heraus, neuer Schlauch hinein, bisschen aufpumpen und so weiter (“il faut avoir des mains salles” sagte J.P. Sartre, also: Man muss schmutzige Hände haben… haben wir, Monsieur Sartre) bis wir wieder auf der Nr. 84 rollen, schön aufgefädelt auf der stark befahrenen, von Spurrillen streckensweise heftig gezeichnet. Aber es ist trocken, sehr heiß und die Mittagsonne zwingt uns auf die Veranda eines Gasthauses. Mittagsrast. Im großen, schattigen Park vis-à-vis sieht man ein Brautpaar und einen Fotografen. Schön, man und frau traut sich auch in Ungarn – “Viel Glück” rufe ich beim Wegfahren den Leuten zu, die freundlichen zurückwinken und sich gleich wieder ihren Hochzeitern zuwenden. Ist auch richtig so! Und noch siebzig Kilometer liegen vor uns. Es geht ganz leicht wellig durchs Land. Die Sonnenblumen auf den Feldern sind verbrannt, die Maisfelder stehen ziemlich grün. Auf einer Tafel am Feldrand lese ich: “KANSAS Nr. xxxxx” und ich denke an Gentechnologie und Frankensteinexperimente und an einige meiner Mitradler, die einen ziemlich “grünen” und “biologischen” Eindruckmachen. Die ReiMüllsacke, abholbereit an den Strassenrand hingeworfen, machen den Eindruck als sie schon auf der Deponie seien. Kurz vor dem Balaton, unserem Zielort, erinnern sich einige der Jerualemradler (2009), die auf ihrer damaligen Fahrt diesen Weg schon einmal gefahren waren, an ein Restaurant und bekommen Lust auf ein gutes Abendessen. Und es kommt, wie es kommen muss im September in einem typisch ungarischen Speiserestaurant, voller deutscher Gäste. Ungarische Folklore, ein Pferd, ein Pony, ein Reiter im Nationaldress die hübsche kleine Ungarin auf dem Pony auch in der Nationaluniform der Folkloreungarn – und beide haben eine Peitsche und jetzt geht es los mit dem Knallen. Dann stellen sich die Damen aus dem Publikum vor den Peitschenknaller und er schnalzt sie an und die Peitschenschnur wickelt sich um die Beine, die Hüften und den Hals. Wohliges Gruseln verbreitet sich bei den Gästen, die ihre Krautsuppe löffeln. Die Suppe schmeckt hervorragend. Eine bedauern, dass sie so dünn sei – doch sie lernen, dass es kein Gulsch österreichischer Art ist sondern ein ungarisches Gyulas, das so gehört. Wer reist, lernt. Und nach Hause muss man ja auch noch. Also – acht Kilometer im Dunkeln auf einer ungarischen Landstrasse, heftiger Verkehr, kaum sichtbare Leitlinien, keine sichtbare Randbegrenzung – naja, so ist es halt. Und die Adresse der Unterkunft weiss auch keiner, also kommt der Herr Benedek mit seinem Auto und holt uns auf dem Stadtplatz ab. Aus die Maus, ab unter die Dusche, langer Tag. Die Generalbesprechung um 22 Uhr sieht mich in meinem Einzelzimmer mit Dusche und zwar schlafend. Gut gelaufen…
Sonntag, 4. September _Wnderbarer Morgen. Entlang der Bahnlinie führt der Radweg. Kaum ‘Gegenverkehr’ aber eben doch. Der Weg ist schmal auf wenn er nicht direkt ins Himmelreich führt sondern nur nach Nagytad. Auch die Kilometerzahl nimmt dem Morgen nichts von seiner frischen, strahlenden Schönheit. Der Balaton geht über in den hellblauen Himmel. Er erstreckt sich über ein phänomenales Land. Wir schwenken nach Süden, ein einziges Romadorf, viele Kinder und wenig Geld sind sichtbar.
Die Wirklichkeit ist von einem blauen Himmelszelt überspannt, aber die Realität, die soziale, die politische? Naja. Wir jedenfall haben Glück. Das Gasthaus im Ort das wir auf halbem Weg erreichen ist am Sonntag von 9 – 10 geöffnet, doch eine Viertelstunde später tut es – wohl für/wegen uns (?) seinen Dienst auch für uns. Die Wirtin lässt guten Kaffee aus ihrer Saeco, Wasser gibts auch und unser Belgeitbus ist auch da. Der neue Fahrer ist eingetroffen. Dann die “unendliche Weite der Puszta”, bei etwa 35 Grad im Schatten. Da schwitzt man schon ein bisschen für den Frieden, diesmal für den eigenen, inneren, mit sich selbst und jenen, die ein anderes Tempo verfolgen, ihren eigen Takt treten. Diese Das ganze Leben ist – in dieser Phase sicher – eine Übung, ein Art Ernstfall oder Fall. Schluß. Damit es in den Endspurt. Und ins Bett. Zur Meditation der unaussprechlichen Undenkbarkeiten, denen man an solchen Radfahrtagen begegnet. Bis dahin …
+++++
Montag, 5. September _Jeder Tag hat seine eigene Last, steht in der Bibel. Wenn du radfährst, auf Tour bist, kannst du das bestätigen. Die morgendliche Statausfahrt hat das übliche Problem. Wohin, in welcher Richtung liegt das Ziel. Die Kreisverkehre sind schweigsam. Ausserhalb der Stadt, wo es geradeaus geht, direkt hinter den Horizont, bemerkt man den Fehler. Kartenstudium, Fargen, Antworten – mit Glück ein Stück zurück. Hannes hat sein Laufrad wieder. Um einen “Spott” beim Radshop von Nagyitad erstanden. Wir fahren weiter. Hoffentlich in die richtige Richtung. Ja – es geht übers Land, nach Barcs vorbei an Tabak- und Maisfeldern, endlos wie immer. Am Ende eines Dorfes endet der Asphalt, eine Sandpiste beginnt, wir fahren in der Landschaft, auf tiefsandigen Wegen, voller Dornen und wieder zurück. Bis zum einzigen Hochstand im Umkreis des Horizontes. Also – zurück zur Strasse und weiter gehts der kroatischen Grenze entgegen und der Stadt Barcs. Mittagspause und eine Suppe gehen gut zusammen. Und Frau Häusler vom ORF Vorarlberg will meinen Rückruf für die Morgensendung am folgenden Tag.
Die letzten Forinth werden über den Tisch geschoben. Ein paar Kilometer durch ödes Vorstadtland. Der unaussprechliche Charme einer EU-Außengrenze spiegelt sich in den Gesichtern der Zöllner. Wir sind in Kroatien. Ein riesiges Plakat mit Benedikt XVI. sagt auf Kroatisch “Willkommen”. Ist überhaupt ziemlich katholische in diesem Teil jedenfalls. Saubere Kirchen und wenig Scheidungen, sagt die hübsche, junge Frau Takacs, die uns in Daruvar Unterkunft gibt in ihrer Pension. Vorher aber gibt es noch 25 hügelige, fast schon gebirgige Kilometer – ein Vorgeschmack auf das bergige Bosnien. Aber an allem merkt man eines – langsam wird es Ernst, in jeder Hinsicht. Die Lasten verteilen sich auf die Tage – aber auch die Erleichterung, die Erhellung, das belebende Licht. Und – immer in Bewegung bleiben. +++
Dienstag, 6. September _Von Daruvar in Kroatien bis nach Banja Luka in der Republika Srpska sind es – auf den Wegen, die wir mit unseren Rädern fahren rund 120 km. Gleich nach einer kleinen Abfahrt durchs Zentrum der hübschen kroatischen Kleinstadt mit ihrem Thermalbad geht es bergauf. Zuerst sind es 7% dann abwärts (6 %) und dann wieder aufwärts, allerdings 10 % oder soagr 12 % – so wird einem warm. Auch angesichts der Landschaft, die von ausgesprochenem Reiz ist, bewaldet, grüne Wiesen, kleine Dörfer und wären da die Einschusslöcher nicht, in den Mauern – man käme sich vor wie im Urlaub. Und wären da nicht die wohlgepflegten, kleinen Gräber am Straßenrand mit ihren glänzenden, schwarzen Marmorplatten, in die Namen von jung gestorbenen Leuten eingemeisselt sind. Oft steht die Jahreszahl 1995 dahinter. Dazu kommt Pakrac – eine vormals serbische Enklave in Kroatien. Die Menschen wurden mit Gewalt aus ihrem Leben gerissen, mit Gewalt aus ihrem Häusern verjagt und in alle Winde zerstoben. Aus den Ruinen von damals – warum sie immer noch stehen und nicht beseitigt oder wiederaufgebaut sind – das ist eine beißende Frage und sie gibt nicht nach, bis nach Okucany hinein und über die Grenze nach Bosnien-Herzegowina, wo ganz ähnliche kleine Grabmale am Weg stehen.
Nach 5 Tagen sind wir, wo wir hinwollten. In Banja-Luka, der Hauptstadt der Republika Srpsa (der serbischen Republik). Hier soll unsere Friedensradfahrt einen neuerlichen Start nehmen, einen erneuerten Anfang bekommen. Hier wollen wir nochmals „starten“ unter den Bedingungen sozusagen des Reiselandes. Und die sind landschaftlich äußerst reizvoll, politisch höchst kompliziert. Unser Gastgeber ist – im Auftrag des Bischofs – Pfr. Ivica von der Pfarre zur Hl. Thèresia von Lisieux. In seiner Kirche (die am Samstag zur Messe ca. 20 Gläubige kennt und an die 130 offiziell gezählte Zugehörige) bzw. den dazugehörigen Räumlichkeiten übernachten wir. Beim einfachen Abendessen erzählt er dass es in seinem Land mit ca, 3,7 Mill. Einwohner etwa 130 (!!) Minister gebe. Und wir haben mit einer davon morgen um 9 Uhr einen Termin. Die Dame betreut das Ressort Familie, Sport und Jugend, ihr Name wird morgen nachgetragen und inwiefern das Thema Frieden das ihre ist, wird sich herausstellen.
Bis dato allerdings sind wir heute – am 5. Tag unserer Reise – müde, rechtschaffen müde, wenn es das bei Radfahrern/innen gibt. Und wir haben einen relativ soliden Frieden in der Gruppe. Auch das ist nicht selbstverständlich. Vielleicht deshalb. Einer meiner Mitradler „beichtete“ mit heute, dass er sich sehr schwer tue mit bestimmten Menschen, heute aber gelernt habe, dass einer von ihnen ihm zur Hilfe geworden sein, bei seinem „Kampf“ gegen diese „Schwäche“ – und: irgendwie empfinde er Dankbarkeit. Na ja, ist doch schon was… und wenn es in diese Richtung weitergeht, bekommen die kleinen Gräber am Rand und die Einschusslöcher in den Mauer vielleicht doch noch eine ‘ganz andere’ Bedeutung.
So long, also bis morgen – da geht’s dann um Minister, Bischöfe, Presse und Ökologisches – alles in BiH (Bosna i Hercegovina), daort wo wir hinwollten und wo wir seit heute nun sind. Und wie! +++
Mittwoch, 7. September _Im Pressesaal des Bistums Banja Luka ist heute Betrieb. Der Bischog hat heute leider anderweitige Verpfichtungen. Jedenfalls erspart er sich 18 mit Friedenstraufbenlogos verzierte Radfahrer/nnen und eine Ministerin, die sich den Friedensradlern nicht so einfach entziehen konnte. Frau Nadar Tesanovic ist zuständig für Familie, Sport und Jugend in der Regierung der Republika Srpska. Man trifft sich um 9 Uhr im Hof des bischöflichen Anwesens gleich beim Eingang zur irgendwie mächtigen Kathedrale. Die Ministerin ist pressant. Ihre Assistentin in dunkelhaarig, hübsch und gut angezogen, ganz Pressefrau der Chefin. Die Chefin ist eine Dame mittleren Alters, Kroatin und Mitglied der der Regierung der Republika Srpska. Wie man sich fühlt als Ministerin einer Regierung, die weltweilt nicht anerkannt ist, diesem Thema ist untergründig die nächste Dreiviertelstunde gewidmet. Hier wird – das wird schnell klar – verwaltet, was der Vertrag von Dyton festgeschrieben hat. Die Völkerschaften des ehemaligen Jugoslawiens sollten wohl „auseinandergehalten“ werden. Es gibt in den Worten und Bildern der Ministerin kein Wort für Miteinander. Aber es gibt sehr viele Worte für Armut, Schwierigkeiten wirtschaftlicher und jene der politischen Art. Letztere sind die härtesten. Max Webers „Dicke Bretter bohren“ finden hier ein Äquivalent – so, dass es um Granit geht, der mit Kaffeelöffeln bearbeitet wird. Dabei ist nicht der Hauch eines zugkräftigen Motives erkennbar. Alles, was in diese Richtung bedeutsam wäre, wird sofort auf die eigene „Entität“, die Republika eingeschränkt und bezogen uns erstickt in einer eigenartig verängstigten Vertrauenslosigkeit. Klar: Der Spatz in der Hand zwitschert die Taube auf dem Dach in Grund und Boden. Das ist ein Schicksal wird gejammert und arm sei man dran und keiner helfe den 160 Dayton-Ministern/innen, die in den Kantonen werkeln.
Frau Tesanovic ist freundlich und geduldig heute früh. Mit den eher lästigen Fragen der radfahrenden Friedensmenschen, die wissen wollen, wie sich die Angelegenheiten Mladic und Karadzic auf die Beziehungen zu Europa ausgewirkt haben, geht sie routiniert um: Kriegsverbrechen gehören verurteilt, das meinen wir auch, sagt sie. Kein Wort verliert sie über ihre ministeriellen Aufgaben, das Arbeitsprofil ihres Ministeriums für Jugend, Sport und Familie. In unserem – vorsichtigen – Blick eigentlich das Zukunftsministerium für Bosnien-Herzegovina. Demgegenüber hört man: Banja Luka, ist eine moderne, europäische Stadt, aber „wenn Sie dann durchs Land fahren, werden Sie sehen, dass wir noch im Mittelalter stecken“. Viele Menschen seien geflohen während und vor und nach dem Krieg, sie fehlen hier, aber es sei entschieden, dass der Besitzstand der Geflohenen gewahrt bleibe. Die Hoffnung auf Rückkehrer ist da, aber nur recht schwach. Die Deutschklasse des katholischen Gymnasiums in Banja Luka mit über dreissig Schülern/innen jedenfalls macht deutlich, dass es unter den jungen Menschen eine regelrechte “Landflucht” geben muss. Nur etwa fünf von ihnen sehen ihre Zukunft im eigenen Land.
Banja Luka ist eine freundliche 200.000-Einwohnerstadt mit einem gewissen Flair an diesem, sonnigen Nachmittag. Die Cafés sind belebt, die Geschäfte gehen gut. Die neu renovierte orthodoxe Kirche im Zentrum ist ein Schmuckstück und das gilt auch für die – noch nicht fertige Moschee. Das Trappistenkloster Maria Stern, eine Gründung des Langener Mönches Abt Franz Pfanner hat zuwar nur zwei oder weniger Brüder, produziert aber einen exqusiten Käse nach französischem Rezept. Nicht schlecht für Banja Luka, finde ich, wo die Schüler im katholischen Gymnasiums frei heraus zugeben, dass sie nicht katholisch sind, aber im selben Atemzug wohl nicht auf ihre Schzule kommen lassen. Wir runden unseren freien Tag mit einer Torte im Café ab – fühlen uns gut, für die 75 gebirgigen Kilometer in Bosnien-Herzegowina, wo wir nun angekommen sind. Es geht weiter, nicht schlechter als vorher… +++
Nachtrag - Bischof Komarica, der Mann der Stunde _Gegen neun Uhr abends. Gastgeber Monsignore Ivica hatte einen Grillabend angesetzt. Frau Slavica, seine Haushälterin, hatte gut eingekauft und Berge von Cevapcici und feinen Rostbratwürstchen wechselten vom Grill zum großen „Familientisch“. Gegen 21 Uhr fährt ein Skoda Superb auf den Hof der Pfarre zur Hl. Therese von Lisieux. Unerwarteterweise besucht uns der Bischof von Banja Luka, Dr. Franjo Komarica. Ein Mann, sprühend von Lebensfreude, Überzeugungskraft und einer strahlenden Freundlichkeit. Ein wenig wie der Pfingststurm rauscht er in die Runde und mischt uns auf in unseren Vorstellungen, Phantasien und Hoffnungen zum Frieden und zum Zusammenleben der Menschen in Bosnien-Herzegowina. Er ist der Mann der Stunde. Nicht nur in der Zeitrechnung der Friedensradfahrer/innen. Da ist mehr. Komarica fährt wie ein Wirbelwind durch die Geschichte seines Landes – eine Leidensgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts - und der Horizont ist weit. Es ist der Horizont des Menschlichen, der Sehnsucht des Leidenden nach Ruhe und einem guten Leben. Der Bischof kennt die Welt. Dort wo die politischen Eckensteher ihre Pläne schmieden, die Waffenhändler die Politik auf ihre Geschäfte hinbiegen, die Generäle ihre Soldaten im Sinne der Interessen der Machtpolitik ihrer Präsidenten die Völker vreschieben und Landschaften mit Gewalt überziehen.
Der kleine, quirlige, vielsprachige, katholische Bischof lässt sich das Wort nicht aus dem Mund nehmen. Er bringt sich ein für sein Land, für seine Landsleute, für die Kultur seines Heimatlandes, für die – im innersten Sinn des Wortes – Befriedung seiner Heimat, die er als Spielmaterial der Machtpolitik sieht. Die mächtige Katze Weltpolitik spielt mit den Mäusen auf dem Balkan. Dabei sähe er einen echten Beitrag seines Landes zu Europa, eine Bereicherung. Aber Europa – und wenn er Europa sagt, zeigt er auf uns, auf jeden von uns – mag und will uns nicht. Mit Bitterkeit spricht er von den politischen Realitäten, die sein Land und die Menschen in einer Art Verhaftung halten. Man hatte beim Dayton-Vertrag bereits von einem Dayton II oder Dayton III gesprochen. Das aber ist vergessen worden oder verdrängt wohl eher, oder im großen Spiel untergegangen?
Bischof Komarica ist der Mann der Stunde. Auch jener Stunde, die kommen wird, wenn Europa, die Menschen Europas ein Einsehen bekommen haben werden, dass die Politik Brüssels, Paris’, Berlins Washingtons – oft gelenkt und immer dominiert von unzähligen, gesichtslosen Eckenstehern und Einflüstrern in den Hinterzimmern oder Vorzimmern der Macht – nicht das „gelbe vom Ei“ ist. Wenn die Stunde Komaricas kommt, ist das auch das Ende der Ausreden und der Beginn vielleicht einer Zeit, in der die Freude an der Gemeinsamkeit das Leiden am Gegeneinander eingeholt oder gar überwunden haben wird. Der Mann, dessen Mutter von einem serbischen Soldaten aus ihrem Heim, dem Haus und dem Ort – an dem sie dem Land elf Kinder geschenkt hatte – vertrieben worden war, spricht von Versöhnung und Verzeihung und seine Stimme wird um eine Nuance schwerer, doch der Klang der Hoffnung in ihr, bleibt. Obwohl die Geschichte vom Messer des serbischen Landmanns an der Kehle seiner Mutter tief in sein Herz schnitt – aber der Sohn, der Kroate und der Bischof suchen die Versöhnung, den Lebensfrieden. Ein wenig davon verkörpert er selber und wandert so durch die Geschichte unserer Tage, nützt die Stunden – bis sie kommt. Ein Kairos für Bosnien-Herzegowina wäre eine Kairos für Europa. Bis dahin aber bleibt politische Wachsamkeit und spirituelle Aufmerksamkeit beide persönlich wichtig und weltpolitisch unverzichtbar sind. Für einen Abend in Banja-Luka, zwischen 21 und 23 Uhr gar nicht so schlecht – oder? +++
Donnerstag, 8. September 2011 _ Heftiger Start in Banja Luka: Ein Kamerateam eines alternativen Fernsehsenders ist da. Tichomir, der sich mit seinen Freunden um umweltverträgliche Fortbewegung in Banja Luka kümmert, hat seine Beziehungen spielen lassen.
Und der Bischof Komarica hatte sich ins Radlertenu geworfen. Schwarze Hose und Friedensradfahrtleiberl und auf dem bischöflichen Haupt eine weisse Kappe mit “RADIO MARIA” drauf. Nach den Bildern und Interview im Park vor dem alten Bahnhof fahren wir das Tal des Flusses VRBAS, den man in seinem Lauf mit mehreren Mauern staut. Das ergibt in dieser wunderschönen Landschaft mit der – mit Europa-mitteln ausgebauten Straße, eine schönes Bild. Touristisch durchaus von Interesse – doch im Moment wird die Ruhe nur von den Fernlastern unterbrochen. So kommen wir 78 km später nach Jajce, einem bosnischen Sädtchen, schön gelegen inmitten von bewaldeten Hängen, am Zusammenfluss von Pliva und Vrbas, mit einer Burgruine und schönen mittelalterlichen Anlagen, die reltiv gut gepflegt sind und zugängliich. Unser Abend gehört Samit vom Jugendcenter hier in Jajce, der seinen neu eingetroffenen Friedensdiener Götz aus Görlitz – er wird eine Art soziales Jahr hier verbringen – mit. Samir arbeitet in seinem Zentrum mit Kindern. In Jajce sind alle Volksgruppen vertreten. Der Krieg hat 1200 Menschen – die Nachbarn waren vorher – das Leben gekostet.
Die Kirchen der Katholischen, der Orthodoxen und die Moschee der Muslime sind allesamt Zeugen einer tief verwurzelten gemeinsamen Kultur, einer bosnischen Kultur, die hier seit dem Mittelalter Wurzen geschlagen und Zeichen geschaffen hat. All das ist heute 16 Jahre nach dem Krieg nicht wieder “normalisiert”. Seine Geschichten tun weh, angesichts der Häuser der Stadt und der Musik, die aus dem tief unten gelegenen Restaurant zur Burg heraufklingt. Wehmut und Hoffnung klingen zwischen den Zeilen des jungen Mannes, der uns nach 2 Stunden verlässt, um den Rest des Abends mit seiner Familie zu verbringen. Wir fahren mit den drei vorhandnen Jajce-Taxis zurück in unser Hotel am Plivasee, schlafen schnell, denn morgen erwarten uns zwei Begegnungen und zwei neue Erfahrungen mit Menschen in Bosnien-Herzegowina, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, versuchen das Leben zu gestalten, in die Hand zu nehmen, was ihnen die Politik zum Leben gelassen hat und was die Tage bringen.<.
Freitag, 09. September 2011 – Um diese Zeit steigen schon die Nebel am künstlich angelegten Pliva – See. Es ist herbstlich, als wir die Abfahrt nach Jajce hinunter sausen. Vorbei an den idylllischen, kleinen Katarakten der Pliva-Fälle. Samir hat uns – mir wegistens – ordentlich Stoff zum Nachdenken gegeben. Die flache Strasse entlang des VRBAS-Flusses erlaubt ein zügiges Tempo und der Fahrtwind in der Morgensonne trägt auch schon die Ideen zum heutigen Tag. In Donji Vakuf begegnen wir Delka und Admir. Sie studieren in Mostar und versuchen in ihrer Stadt zwischen orthodoxer Kirche, der Moschee und einer Art Kulturpalast etwas Zukunft aufzubauen. Ihre Geschichten klingen so, als ob die Beseitigigung der Hindernisse auf dem Weg zur Sache schon ziemlich ermüdend ist. Die Sache selbst, Zukunft durch Miteinander und Begegnung zu schaffen, oder durch die Entwicklung demokratischer Strukturen bleibt oft auf der Strecke. Das wirklich Gute an alledem in D. Vakuf scheint, dass die jugen Leute nicht resignieren. Aber die zähe Schwere in allem ist in der Mittagshitze gut zu spüen. Dennoch: Sie geben irgendwie nicht auf.
In Gonji Vakuf, etwa 35 Kilometer weiter – das VRBAS – Tal öffnet sich weit und gibt beidseitig die Berge zu erkennen – haben wir einen Demonstrationstermin. Junge Leute vom Omladinski-Centar (Jugendzentrum) haben sie organisiert und unter Absingen eines Friedensliedes, dessen Inhalt uns eigentlich verschlossen bleibt, ziehen wir mit den überwiegend weiblichen Jugendlichen “um die Häuser”, vorbei an den Cafes, in denen die Männer sich über unseren Zug amüsieren. Das alles ist nicht lustig. Denn die krotatischen und bosniakischen Kinder und Schüler haben ihre Klassen zwar in einem Schulgebäude, aber sie haben keinen gemeinsamen Unterricht. Die katholischen Kroaten lösen um die Mittagszeit die bosnischen Muslime in den Klassen ab. Sie sind gute Kollegen/innen in der Schule aber durch das Dorf ist eine Art Demakationsliene zwischen den Volksgruppen eixistent, die die jungen Leute trennt. Das scheint ihnen nicht zu gefallen – und uns eigentlich auch nicht. So gehen wir mit und erkennen auch, dass friedliche Unterstützung in direktem Kontakt für eine gute Sache auch uns selber gut tut. Dennoch: Die Hoffnung ist auch hier ein weiter Horizont und wenig konkret. Denn Dino, der Sohn des Arztes am Ort, ist hier geboren – aber wenn er mit der Schule fertig ist, will er nach Amerika, zu seinem Bruder und er wird nie mehr in seinen Geburtsort wiederkehren. Schade, aber so ist das Leben hier! +++
Samstag, 10. September 2011 _ Die an sich gelungene DEMO mit den jungen Leuten von Omladiniski Centar von gestern abend wirkt nach. Die jungen Damen aus Gornij Vakuf haben viel erzählt aus dem Leben ihrer Stadt, die von einer eigenartigen und kaum nachvollziehbaren Zerrissenheit gezeichnet scheint. Es verlaufen tiefe Gräben und Schluchten zwischen den Volksgruppen und Religionszugehörigkeiten, die den Alltag intensiver zeichnen als es für ein gutes Leben wichtig wäre.
Heute fahren wir nach Mostar. Man spricht von etwa 80 Kilometern, gebirgig soll es werden. Sofort nach der Stadtausfahrt wird das klar. Vor die Erfüllung aller möglichen Wünsche haben die Fahrrad-Götter – auch in Bosnien – die Berge gesetzt. Gleich nach Gornij Vakuf beginnt der Anstieg zum 1123 m hohen Malkenkij-Pass. Ein ziemlich genau 15 Kilometer langes Stück Arbeit für die Radlerinnen. Die Straße ist sehr gut ausgebaut (Europa!), in den Lichtungen auf mittlerer Höhe sieht man Skihütten und auch kleine Skilifte des Radusha-Skigebietes. Wir fahren bei herrlichem Wetter. Die Morgenkühle ist herbstlich. Oben auf dem Pass gibt es ein Gasthaus, wunderbar!
Die Abfahrt zieht sich etwa wunderbare 20 Kilometer hin bin hinein nach Jablanice, eine wunderbare Fahrradstrecke, wenn auch der Verkehr beachtlich ist. Nach Jablanice wird es heiß. Es ist drückend heiß. Das Neretva-Tal – ein einziger Stausee mit Fischzuchtanstalten (Lachs, Forellen) zieht sich bis nach Mostar hinein. Immer wieder durch Tunnels unterbrochen führt die Strasse entlang des grünen Wassers. Dann sind wir in Mostar. Die Orientierungsphase dauert, wir irren ein wenig durch die Stadt und betrachten den Weg zur Unterkunft als vorweggenommenes Sight-Seeing, in der durch so manche Schrecklichkeiten berühmt gewordenen Stadt. Die “most famous” Neretva-Brücke wird morgen, am Sonntag wohl auf dem Programm stehen. +++
Sonntag, 11. September 2011 _ Nine Eleven an der Brücke von Mostar. Eigenartiges Gefühl an diesem sonntäglichen Morgen im Studentenheim. Hoch über Mostar, auf dem naheliegenden Hügel, ein Kreuz. Noch im Blickfeld, wenn man nach unten schaut, das Minarett der Moschee im Tal, in der Stadt. Es gibt 29 davon und Kirchen mit Kreuzen auch. Um 9. 30Uhr startet die Stadtführung. Den Termin mit dem Bürgermeister müssen wir in den Kamin schreiben. Sonntag. Also, zur Brücke über die Neretva. Durch die Strassen Mostars, vorbei an der einen oder anderen Riesenruine auf den Platz der Spanier, wo fast 30 spanische Soldaten im Krieg von einer Grante zerfetzt worden sind. Die Kombination von Friedenstaube und Stahlhelmen auf dem rechten unteren, kleineren Gedenkstein ist eigenartig. Die neu renovierten Gebäude teils hässlich, teils erträglich. Je näher du der Brücke kommst umso höher werden die Preise. Der Tourismus belebt das Geschäft. Gleich rechts vor der Brücke eine kleine Moschee im Ensemble der schönen Altstadt, mit ihren engen Gassen, in denen jetzt die Mittagshitze brütet. Eine Kiste, auf der verschiedenen Flaschen mit Schnaps angeboten werden, lässt mich einen Schritt in diese Richtung tun. Ein freundlicher Mann kommt heraus, spricht deutsch und erklärt, das sei Slivovitz. Dann wird sein Blick spitzer, er hat wohl meine Friedenstaube auf dem Polohemd gesehen. Sein Thema sind die Serben. Er legt los, schimpft, auf Zustimmung hoffend, wird immer heftiger, weil die Zustimmung ausbleibt – und dann bricht es los wie ein kleiner Sturzbach, heftig und mitreissend, sein Hass auf die Serben. “Österreich” sagt er hoch erregt, “in Österreich sind 200.000 Serben, sind Sie sicher, dass sie bald nicht mehr aufstehen werden.” Wie vom Donner gerührt stehe ich und höre die Geschosse zischen, die Granateneinschläge, Schreie der Menschen und peitschendes Maschinengewehrfeuer – aus dem Mann spricht der Krieg aus Hass. Und gleich vis-a-vis verkaufen sie kupfern glänzende Geschosshülsen, die man zu Kugelschreibern und kleinen Spielzeug-Kampfflugzeugen umgebaut hat. Souvenirs from Mostar! Irgendwie scheint die Brücke nicht so recht zu funktionieren, obwohl sie tut, was sie tun muss: Verbinden und Trennen. Die Stadt ist voller Verletzungen und Wunden, von sichtbaren und unsichtbaren Einschüssen gezeichnet. Und in den Seelen der Menschen finden sie sich wieder, in einer erschreckenden Selbstverständlichkeit, vernarbt vielleicht, wenn die Leiterin des einzigen, alternativen Kindergartens sagt, dass Mostar eine “geteilte Stadt” ist und dabei lächelt. Ein Lächeln wie eine Brücke, die funktioniert, wie sie funktionieren könnte und sollte. +++
Montag, 12.09.2011 _ Das Studentenheim in Mostar liegt wunderschön. Man einen herrlichen Blick über die Stadt. Von unserem Zimmer mit Balkon haben wir ihn genossen, zwei Tage. Heute früh sind wir den Hügel hinunter gefahren bis zum Mercator-Markt, unserer Verpflegungsstation in unserer Mostar-Zeit. Omletts, Palatschinken, Kaffee aller Art, Pivo, Wasser und Limonade – wir beuteten den Laden aus – nach Strich und Faden. Heute also Frühstück im Merkator und dann in den Integrativen Kindergarten gefördert von Evangelischen Dikaonie Österreichs (Gallneukirchen), dem Rotaryclub Linz und Rotary International und vom ADA (Austrian Development Agency). Der Betrieb dieses Projektes mit 40 Kindern von denen ein kleiner Teil (2- pro Gruppe bei einer Gruppengröße von 20 Kindern) spezielle Unterstützung braucht kommt mit einem Budget von rund 100.000,– Euro pro Jahr aus. Eine Leiterin und vier fest angestellte Pädagoginnen und eine Reihe von spezifischen Therapeuten/innen sind in dieser Summe inbegriffen. Dazu kommt ein monatlicher Beitrag von 80,– Euro, den die Eltern zu leisten haben. Nicht viel, wenn mann bedenkt, was damit an Gutem, an Integration erarbeitet wird. Die Kinder werden Freunde fürs Leben – doch in Wirklichkeit ist es so, dass sie nicht dieselbe Schule besuchen werden sondern die Schule jener Ethnie eben, der sie zugehören. Damit aber wird der spielerisch gewonnene Vorsprung ganz schnell wieder eingeeebnet und der “circulus vitiosus” nimmt seinen Lauf. Wir bekommen Kekse und Kaffe, Wasser und Tee serviert, die Kinder spielen im Hintergrund während die radfahrenden Besucher/innen aus Österreich noch ein Friedenslied als Dank und zum Abschluss des informativen Besuches zum Bestem geben. Danke, Frau Biljana und Kollegen/innen – wir haben die Zukunft Mostars im Sandkasten gesehen und auch ein Stück jener von Bosnien-Herzegowina, gerade genug, dass es uns weiterträgt durch das schöne Neretvatal hinauf wieder nach Jablanica und dann rechts ab in Richtung Sarajevo. Heute sind wir nur bis Konjic gekommen – immerhin, weit genug, um wieder ein wunderschönes Stück von BiH landschaftlich kennengelernt zu haben. Abends machen wir einen Stadtrundgang in Eigenregie. Vorbei an unsäglichen Hochhäusern gehen wir in Richtung alte Stadt, wo das erneuerte Holzkunstmuseum angeschrieben ist und die alte Neretva-Brücke mit Fundamenten aus der Römerzeit schmiegt sich ins Ortbild wie man es sich nur wünschen kann. Am Neretva-Ufer findet sich ein Restaurant mit hervorragender Küche – und die Annehmlichkeiten der bosnischen Kultur im gastronomischen Bereich reichen sind zahlreich. +++
Dienstag, 13.09.2011, Konjic – Sarajevo _ Das Motel Konjic wäre eine eigene Geschichte. Einladend an der Stadteinfahrt gelegen, nahe der Neretva, die auf der strassenabgewandten Seite des Hauses gemächlich vorbeifließt. sieht es von aussen durchaus respektgebietend aus. Ziemlich modern anmutend, in Beton ausgeführt, weckt der zweite Blick den Verdacht, der dann beim Betreten des Zimmers seine Bestätigung findet. Wir wollen es dabei belassen! Schließlich hat man beim Schlafen die Augen zu und auch die anderen Sinne sind nur reduziert in Funktion. Drei tschechische Motorradfahrer haben auch hierher gefunden und nach einigen Diskussionen um den Preis verlassen sie mit uns die gastliche Stätte für ihre weitere Reise, die sich ans Schwarze Meer führen soll. Nach dem – wie wir inzwischen wissen – ortsüblichen Frühstück, weit entfernt vom durchschnittlichen, westeuropäischen Standard, machen wir uns auf den Weg nach Sarajevo. Die Etappe ist kurz aber heftig. Mit einem sehnigen Anstieg gleich hinter Konjic werden wir gerpüft. Die Morgensonne tut ihr übriges und das Tempo sinkt, langsam aber sich – der regelmässige Tritt übernimmt und der Atem geht heftig. An die 15 Kilometer bosnische Meditationen: Aufgeräumte Häuser, ein Mann mäht das Gras vor seinem Haus, eine Frau hängt Wäsche auf, an der Straße wird Gemüse verkauft und Obst, Zwetschken, Pflaumen und anderes, die Verkäufer sind hier Männer, die ernst vor ihrem farbig, bunten Angebot sitzen und auf Kunden warten, die Strasse ist neu, gut asphaltiert und im Café vor der Passhöhe wird serviert, was man bestellt, zwei Jeeps fahren vor, Männer in Uniformen steigen aus, öffenen die hinteren Autotüren und geben den Blick frei auf zwei Hunde in Käfigen. Hier wird die Betrachtung zur Meditation der Realität: Minensucher und Minenhunde machen Pause hier im Café. “Die Republik Bosnien-Herzegowina weist die sechsthöchste Minenverseuchung der Welt auf. Bis 2009 soll das Land „minensicher“ gemacht sein. Für einen entsprechenden „Operativplan“ sind jährlich rund 20 Millionen Euro vorgesehen.”
Noch ein paar Kilometer aufwärts und es geht hinunter in Richtung Sarajevo. Das Tal öffnet sich, die Landschaft verliert das grüne Kleid der Berge, es wird städtischer, das Gras verdorrter, die Strassen mehrspurig und am Himmel sinken die Flugzeuge in Richtung Flughafen. Sarajevo ist eine internationale Stadt. Der Verkehr signalisiert das, nahe am Stau aber dennoch fließend, gleiten wir am Rand mit in Richtung Zentrum, Altstadt und endlich sind wir da. Pulsierend, das Leben, eine vitale Stadt, viel Jugend, heftiger Betrieb in den Cafés, in den Speiselokalen. Heiß ist der Septembertag und nach einer ausgiebigen und genussvollen Mittagspause fahren wir in unserem Quartier für heute und morgen. Es liegt ein wenig außerhalb, in den umliegenden Bergen, etwa drei Kilometer bergauf und jetzt, wo ich hier schreibe, schweift mein Blick über das Tal. Die Zikaden begleiten den sanften Abend, der langsam hereindunkelt. Selbst hier, in diesem Bergdorf, ruht der Verkehr noch nicht. Der KONZUM vis-a-vis ist offen und der Besitzer des Hauses, in dem wir eingemietet sind, startet mit seinem BWM-Geländewagen. Ich sitze auf dem Balkon des Hauses, einige von uns sind in die Stadt gefahren, einige sind hier geblieben, ruhen sich aus und bereits sich vor auf dem morgigen Tag. Eva bereitet sich auf einen Märchenerzählabend vor – und dort gehe ich jetzt hin!
13. Tag, Dienstag, 14. September 2011 (Sarajevo, Begegnungen) _Einzelne hatten sich einen Ruhe-Tag erhofft. Der Kilometerstand auf den Tachos ist auch in den Beinen spürbar. Es wird ein Nicht-Radfahr-Tag, von Ruhe hat keiner mehr gesprochen, als wir von unserem Hausherrn in einem kleinen Peugeot (3 hinten 1 vorn neben dem Fahrer) über eine schmale Straße ins muslimische Viertel hinter gekarrt werden, wo es im Haupthaus (wir wohnen im Appartementhaus), einem Hotel ein Frühstück gibt. Mein erstes Frühstück in Sarajevo hätte ich mir zwar anders vorgestellt, doch der anschließende Gang in die Stadt entschädigte für alles. Sarajevo im Licht der Morgensonne, auf den Gehsteigen der Innenstadt und durch die Geschäftsstraßen zur Kathedrale – die geschäftig eilenden Herren in den dunklen Anzügen, die jungen Männer in ihren Jeans und chicen T-Shirts, von den jungen Damen und den älteren auch, die die Cafés bevölkern gar nicht zu reden. Sarajevo lebt – und wie!
Ganz in der Nähe der Kathedrale sind wir beim INTERREGLIGOUS COUNCIL IN BOSNIA-HERZEGOWINA. Dass Frau Bozana Ivelic-Katava – unsere katholische Kontaktfrau und Mitglied im Rat wegen eines Staus sozusagen erst „post festum“ eintreffen kann, unterstreicht die urbane Dimension des alltäglichen Lebens in Sarajevo. Der Rat ist auf der Basis von Fundraising finanziert. Ein (dickes) Buch ist herausgegeben worden, in den Sprachen Bosien-Herzegowinas und – das ist bemerkenswerk (!) – in Blindenschrift – und erklärt die Sitten und Gebräuche der Glaubensgemeinschaften (Festkalender, Feste etc.) dem jeweils anderen. Die Räumlichkeiten (durchaus respektabel) der MRV sind in einem Haus untergebracht, das in jüdischem Besitz ist. Ob überhaupt und wenn ja wieivel das kostet, bleibt ein Geheinmis. Man gewinnt den Eindruck, dass der Rat eher zürürckhaltend interagiert und das auf allen Ebenen. Das Thema der Versöhnung, dem man sich intensiv widmet, wird vor allem in Frauengruppen und von einzelnen Theologen in den einzelnen Religonen thematisiert. Eine Kooperation oder Ansätze gemeinsamen Nach- und Vordenkens der Religionen in diesem zentralen Thema sind keine gegeben.
Dem Budget von 15 Millionen Euro, unterstrichen durch die erkleckliche Anzahl von rund 500 Mitarbeitern/innen entspricht dann der Empfang bei der OSZE in Sarajevo. Der Security-Mann, der uns in den Lift und wieder heraus und hinein in das Sitzungszimmer (im 14. Stock oder so) und die dort wartenden, ernsthaft und geschäftig dreinblickenden jungen Damen und Herren in dunklen Anzügen und chicen Kostümen macht klar, dass es um Wichtiges geht: Mr. Fletscher Burton aus Amerika ist der neue OSZE-Chef (und nicht Frau Plassnig) und taucht auf. Rank und schlank und in feines Tuch gekleidet, erzählt er – ganz Diplomat – von seinem Weg hierher, an diesen Ort, an diese Stelle und in seinem Ferienhaus habe er auch ein Fahrrad, lacht er leutselig. Neu sei er auch, obwohl er während des Krieges schon in der amerikanischen Botschaft Dienst getan habe und diese Stadt und dieses Land lieben gelernt. Aber er erzählt lieber von Leipzig, wo sein letzter Einsatzort war. Er flicht ein, dass er „Ratlosigkeit spüre“, was die Situation in BiH angehe und meint: „Jetzt sind wir wieder beim Gegeneinander, nicht kriegerisch zwar, aber eben doch…“ – auch „dass es mehrere Generationen dauern wird“ bis dieses Land zu sich finden könne und dass jede „Weiterentwicklung brisant“ zu qualifizieren sei. Zu alledem müsse er in seiner neuen Aufgabe „noch viele Gespräche führen“ und wohl auch über das anspruchsvolle Programm, das die OSZE in BiH zu realisieren such – auf der Ebene der Kommunen, der Kantone, der Parlamente und anderer regionaler, kommunaler und nationaler Institutionen. Unsere Idee und unsere Friedensradfahrt findet Mr. Burton eindeutig unterstützungswürdig und er möchte seine Presseleute für unsere Fahrt ein wenig Kontakt machen lassen, verspricht er. Eine junge Dame aus Dänemark (chices Kostüm!) gibt sich als Protokollantin zu erkennen und meint, dass sie das, was wir hier tun „wirklich sehr interessant“ finde. Immerhin..
Und schließlich noch zur Caritas Sarajevo und zu Zlatko Malic – seine absolut professionelle Präsentation der Arbeit seiner Institution auf nationaler Ebene ist engagiert, sachkundig und höchst interessant. Die internationale Einbindung stützt sein „Unternehmen“ und der junge, smarte Mann macht verständlich anhand von Projekten und Zahlen, wie in dieses Land bei allen tagtäglchen Schwierigkeiten etwas vorangebracht werden könnte. Eine gute Idee, die die Menschen innerlich anspricht und sie motiviert sich einzusetzen mit Herz und Hand für den Nächsten ohne Ansehen seiner Nationalität, das wärs…Zlakto lächelt, wissend …
Wie lebensrettend für viele, viele Menschen Solidarität und Miteinander sind im TUNNEL-MUSEUM deutlich. Es erinnert anden Bau, die Funktion und Bedeutung des rund ein Kilometer langen Tunnels unter dem von der Nato benützten und geschützten Flugfeld Sarajevos hindurch. Lebensnotwendiges und -rettendes aber auch Waffen, Zigaretten und wer-weiss-was-noch-alles fand in diesem Tunnel den Weg in die beschossene Stadt hinein und heraus. Verbrecherisches und Verbrecher, Schmuggler und Kriegsgewinnler wohl inclusive. So genau allerdings, weiß es auch das sehenswerte TUNNEL-MUSEUM nicht.
14. Tag, Mittwoch, 14. September 2011 (von Sarajevo nach Vlasenica) _ Fast 100 Kilometer BiH gab es heute. Vorzüglich Anstiege gab. Von der Haustüre weg sozusagen Mountainbiking. Ziemlich feine Sache. Gute Tour. Super Landschaft. Wetter herrlich. Ziemlicher Gegenwind erhöht den Muskelreit. Die Schnellfahrer um Hannes vergessen fast alles und preschen los. Genauer gesagt: Pausenlos bis fast nach Vlasenica. Für mich gibt es das Geschenk so manchen einsamen Kilometers. Es denkt sich gut so im Radfahren. Die Strasse ist gut. Sie zieht sich in sanften Kurven über die Hügel nach oben, zu den Passhöhen, die alle keinen Namen tragen. Und Meereshöhe scheint in BiH überhaupt ein Fremdwort zu sein. Die Häuser in den kleinen Siedlungen sehen alt aus. Manche sind verfallen. Manche sind nigelnagelneu. Dazwischen immer wieder kleine Schafherden und einesame Kühe, die auf die Straßen überqueren. Ein gefährliches Unterfangen. Es gibt weit mehr schnelle Mercedes, BMW und Audis in BiH als Radfahrer/innen. Und die Hunde. Sie bellen sich die Zunge aus dem Leib, wenn sie angebunden sind, wie meistens. Wenn sie nicht angebunden sind, bellen sie auch und stürzen auf die Strasse, verfolgen bellend und hecheln den Radler, der mit aller Kraft davontretet. Und es gibt Wald. Wald. Wald. Irgendwie versteckt in den Lichtungen erblickt man ziemlich großangelegte Holzfabriken,Sägewerke, riesige Haufen von gefällten Bäumen und schwere LKW für ihren Transport.
Bei KM 80 ungefähr – HAN Pijesak ist der unaussprechliche Name des Ortes – noch einen Anstieg, ghörig und ziemlich zäh – es ist bald 17.30 Uhr – und dann geht es nur noch hinab nach Vlasenica. Der Linienbus quält sich die schöne Strasse hinunter. Er wird überholt, was mit ca. 65 km bei dem Gefälle – no problem! Dann läuft die Strasse ins Ebene aus und ins Dorf – oder ist eine Stadt – hinein. Der müde Charme aller Resignation zieht sich grau über den brüchigen Asphalt, die Wände des Wohnhochhauses hinauf, selbst die Ampel blinkt traurig. Hier im Osten BiH, in der Republika Srpska, ist nicht so gut sein. Unter der herbstlichen Abendsonne verdichtet sich eine eigenartige Trauer mit müder Vergeblichkeit. Wenn es hier Chancen gab, sind sie jetzt offenbar vertan und Brüder, Schwestern und Onkeln und Tanten aus Australien und den USA, der Schweiz oder Deutschland schicken „money from abroad“ und dorthin, dorthin wollen die Jungen und – wer weiß – so mancher Alte wohl auch. So bleibt die Frage: Weshalb wir von den beiden Motels in Vlasencia jenes erwischt haben, dessen Zusammenbruch kurz bevorsteht und – wenn überhaupt – Bier mit abgelaufenem Datum verkauft und nicht jenes, das wunderschön gelb aus dem Tale in die Höhe leuchtete und so zu erkennen gab, das Unterkunft weniger mit Vegetieren als vielmehr mit gutem Leben zu tun hat. +
15. Tag, Donnerstag, 15. Sept. 2011 (von Vlasenica nach – Srebrenica) _ Wenig Kilometer, bei schönem Wetter, die Annäherung an die Unmenschlichkeit, die seit 1945 in der ganzen Welt immer wieder neue Namen bekommen hat: Srebrenica. Aber der Reihe nach: Die vorangegangene Nacht in einer “Kommunistenschaukel” der Sonderklasse in Vlasenica – ihr Name: Motel Panorama – war trotz des Wasserstaus in den Duschbecken, trotz der nicht bis kaum funktionierenden Wasserspülungen, des millimeterdicken Staubes auf den Fenstern, den unsäglich ungereinigten Teppichen – gar nicht so schlecht. Ein Panorama des Schreckens, eine Art Ferienunterkunft für Frankenstein, ein Hotel, in dem man inclusive Frühstück bucht und dann den Kaffee eigens verrechnet bekommt. Aber – wie gesagt: Die Betten waren frisch bezogen und die nächtliche Ruhe war gegeben, ab 1 Uhr jedenfalls.
Der Tag zeigte sich wieder von der besten Seite. Warm und sonnig, streckenweise sanfter Gegenwind. Zuerst geht es bergab, entlang eines Flusses, der wie fast überall in diesem Land als fließende Müllkippe herhalten muss. Wir fahren durch zwei drei kleine Dörfer bis wir uns des Weges vergewissern müssen. Die Landkarten sind ziemlich unterschiedlich und der Tankwagenfahrer der sich auf dem schattigen Parkplatz ausruht, weiss Genaueres. Geradeaus und dann links ab. Im Dreieck angeordnet bietet sich an der Abbiegestelle eine kleine serbisch-orthodoxe Kirche an, ihr gegenüber eine riesige Tankstelle mit der üblichen asphaltierten Umgebung und schließlich ein Eckhaus, ziemlich groß, das als Supermarkt, Gasthaus, Restaurant, Hotel und Treffpunkt für die Schüler/innen, die auf den Bus warten. Dass der Inhaber und Betreiber dieses “Vitalkonzerns” ein junger Mann ist, der bestes Französisch spricht, das er – wie er auf Nachfragen erklärt – in der Schule gelernt hat, erstaunt nicht weiter.
Von hier geht es in ein Tal hinein bis nach Bratunac. Die ersten serbischen Dörfer mit den unsäglich protzigen Heldengedenkstätten wirken irgendwie alarmierend. Zerschossene Häuser, links und rechts des Weges, der leicht bergauf führt – in Richtung Srebrenica. Die Mittagspause bringt Spaghetti und Pizza Capricciose in einer ziemlich neuen, gut eingerichteten Pizzeria in einem serbischen Dorf. Einmal mehr bedauern wir, nicht die Sprache der Leute zu sprechen – man könnte sicher viel über das Leben hier erfahren. Und über den Krieg. Denn hier in Bratunac sind damals 1995 die Hilfslieferungen für die Leute in Srebrenica (es waren an die 60.000 Menschen dort) – Nahrungsmittel, besonders Babynahrung, medizinisches Equipement und Arzneien und andere lebensnotwendige Dinge von der serbischen Soldateska angehalten und nur gegen “Zoll” – also Abgaben eines Großteils der Ladungen für die eigenen Leute hier in Bratunac – durchgelassen worden. Srebrenica muss die Hölle gewesen sein. Die Menschen in der ehemaligen Batteriefabrik, zusammengepfercht wie Vieh, unter serbischem Beschuss von den umliegenden Hügeln. Das Tal, in dem sich die Gedenkstätte befindet, ist ein liebreizender Ort. Srebrenica war ein Kurort, vor dem Krieg, für die Menschen aus Jugoslawien und mit internationalem Ruf. Der Gang durch den Friedhof für die muslimischen Menschen führt auch an einem Grab für eine katholische Familie vorbei, die hier ihre letzte Ruhe gefunden hat. Die Bilder des Films der Gedenkstätte rufen die alten Bilder aus den Fernsehberichten wach. Sie sind heute doppelt schrecklich. Dennoch sagt in diesem Land – noch (!?) – niemand ein deutliches “Nie wieder”, niemand in den serbischen Schulen erfährt etwas vom Massaker General Mladics, von dem 8.500 Toten in der Stadt und den Unzähligen, die man heute noch in den verstrecken Massengräbern findet.





























Hej Walter, Du zerreisst mir mit Deiner Zusatzreise nach Hause das Herz.
Martin
tja, heute hat es mir meines auch fast zerrissen – und, zeitens aber wichtiger – Du kannst dir vorstellen, dass das nicht meine Absicht war. aber – es zieht mich inzwischen an den bodensee… mal sehen, was der karamaran hergibt…aber es ist schön, von dir zu hören!
Danke für diesen interesasanten Einblick in das Leben nach dem Krieg. Hoffentlich schaffen es die verschiedenen Ethnien wieder mtsammen zu leben. Ich freue mich, dass der Versöhnungsbund das unerstützt.
Lieber Walter,
Danke für deine beherzte und authentische Berichterstattung!
Nur die kleinen Dinge können langfristig wirklich greifen gegen die Sammlung von Blockaden und die Politik in BiH, dem Egoismus und der Art Auslöschungsangst in den Menschen….
Ich bin sicher, Eure Radfahrt, die ich so interessiert und bewegt mitverfolgt habe, ist auch so ein Zeichen.
Liebe Grüße, vielleicht seid Ihr jetzt schon alle zu Hause?
Martin
Lieber Walter,
es hat gedauert. Aber heute, an diesem regnerischen Sonntag, bin ich endlich dazugekommen eure Fahrt auf Google-Maps nachzuzeichnen.
Liebe Grüße, Hannes
Wer den FriedensradlerInnen virtuelle auf Google-Maps folgen will,
muss hier klicken: http://g.co/maps/4nxs7
Wer die Route der FriedensradfahrerInnen virtuell auf Google-Maps verfolgen will bitte hier klicken: http://g.co/maps/rb2r9
hvala lepa, sagen die leute hier und ich wiederhole es von herzen für deine mühe. “Schönen Dank” – lieber hannes für die landkarte! und servus, bis bald! _wb
Lieber Walter !
Vielen Dank auch von mir für deine interessanten Reise-Beschreibungen. Ich staune, was du alles vom Sattel deines Fahrrads aus siehst und wohin Dich Rad und Blicke führen! Sarajevo ist sicher etwas Besonderes. Beneidenswert deine Balkanreise, die den Sommer in den Süden zieht ! Ich wünsche DIR/Euch weiterhin eine gute Reise. Liebe Grüße. Johannes
Gratulation, Dir Walter für Deine poetischen Betrachtungen, Euch allen für die Leistung bis Sarajevo. Wie gerne wäre ich mit Euch gefahren. Aber es war mein Entschluss, meine Prioritäten in diesem Jahr anders aufzuteilen. Wie gerne hätte ich teilgenommen an Eurem Prozess der Fahrt und der Begegnungen.. Aber es ist eben anders. Realität. Ich umarme Euch.
Lg Martin
Sevus Martin, wie schön, von Dir zu hören und zu lesen. Es freut mich, dass Du Gefallen findest an meinen mehr oder weniger literarischen Zeilen. Wir sind im Grunde munter und wohlauf, die “üblichen” mehr oder weniger bedeutsamen kleinen und großen Ärgermisse finden immer wieder in einen Ausgleich. Wie es beim Radfahren eben so ist – mal sind es die Anstiege, die dich schwitzen machen und es gibt dann aber auch immer wieder die Abfahrten, die dich spüren lassen, dass da mehr drin ist als Schweiß und so weiter… Klar ist eines: Du fehlst! Sprich: Wir könnten dich (natürlich) gut gebrauchen! Aber: das eine oder andere Talent ist schon auch da, sodass wir gut durchkommen. Morgen ist Sarajevo dran – die OSZE und vielleicht sogar der EU HIGH REPRESENTATIVE Dr. Inzko. Dir eine gute Zeit und danke für dein Geleit – !!! Ganz liebe Grüße von allen – auch von denen die jetzt schon schlafen und denen ich morgen deine “Botschaft” vortragen werde. Servus – stay true! walter-b:
Danke, dass ich auf diesem Weg mit euch sein kann. Ich finde die “Friedensfahrt” einfach toll.
Danke für die täglichen Berichte, ich warte immer schon drauf und lese sie gerne.
Ich wünsche euch, dass ihr den richtigen Weg findet!!!
Umwege kenne ich auch gut.
Liebe Grüße
gerlinde
Von der Albertina bis nach Schwadorf durfte ich heute dabei sein. Eine neue Tour, ganz neue Ziele und Leute. Ich spürte die positive Bewegung in allen und konnte mich richtig freuen. Jetzt – leider schon wieder zu Hause – genieße ich das Privileg als Erster hier direkt in Walter Buders Blog schreiben zu dürfen. Leider kann ich das Foto aus Schwadorf hier nicht hochladen, so tue ich es unter dem Schirm von http://www.friedensradfahrt.eu.
Ich wünsche Euch allen, dass es so weitergeht und Ihr am 21. Sept. in Sarajewo froh und glücklich seid. Das Logo dieser Fahrt hängt jetzt an meiner Pinwand, ich denke jeden Tag mit Sehnsucht und Wehmut an Euch.