… willkommen zum Logbuch! Hier sind die „privaten“ Beobachtungen, Ereignisse und Gedanken und ‘Meinungen’ zu verfolgen, nach Möglichkeit täglich neu und so aktuell es geht. +++
Dienstag, 30. August 2011 _ Fahrkarte besorgen, Auslandskrankenscheine, Reiseversicherung, Rückholversicherung, Fahrrad auf Vordermann bringen, Packliste herausholen, Leute informieren, dass und so weiter …. +++
Mittwoch, 31. August 2011 _ Die Zeit rückt. Ob man will oder nicht. So ist sie halt, die Zeit. Den Leuten vom Balkan sagt man nach, dass sie anders umgehen mit der Zeit. Mit ihrer aber auch mit unserer – „unserer“ ? – was ist denn das? Wenn, dann möglicherweise mit meiner – also: „meiner“ (!) – Zeit. Mit solchen Gedankenspielen nehme ich mein „Dienstfahrrad“ – meine Frau Gemahlin hat es fast 15 Jahre verwendet und für die kleinen Wege ist es noch ein ganz hervorragendes Vehikel. Und dann komme ich nach Hause. Schon unterwegs hatte ich den Kopf nur bei meiner Reise und machte mit Gedanken, ob für die Begegnungen mit den Damen und Herren Bürgermeistern, bei Bischöfen und Mutftis, wohl besondere Kleidungsvorschriften gelten? Von Seiten der „Organisation“ war in dieser Hinsicht bis dato nix zu hören gewesen. - Aber gut, ich habe ja auch nicht ausdrücklich gefragt. Und so schaue ich im Café Babel nach, wie das mit dem Rücken der Zeit in Sarajevo ist und wie mit der Kleiderordnung. Und man findet Antworten im Café Babel. Vielleicht keine ewiggültigen aber für morgen und übermorgen reichen sie allemal, halten dich auf dem Weg und in Bewegung. Die Poesie des Freibeuters Pasolini hat es bis hierher geschafft, ist sogar ein bisschen verwurzelt unter den zornigen, jungen Multikultis da, die sich zwischen und manchmal wohl auch „in“ Minenfeldern bewegen und cineastische Blüten finden – ob sie duften? Und wonach? Solche Herzensfragen beantwortet ein kulturhistorisches Datum: 20. Juli 2011– McDonalds siedelt sich in Sarajevo an – und was das für die Ćevapčići bedeutet? Und für die Kleiderordnung? Eines sicher: Die Zeit rückt – und am 21. September weiß ich sicher mehr, denn dann ist der Internationale Weltfriedenstag der UNO und in Sarajevo wird gefeiert, ein bisschen wenigstens, hoffentlich, mit den vorletzten Cevapcicis und einem Haufen netter Leute. Tja, die Zeit rückt! +++
PS.: Der Cityblog Sarajevo bringt unsere Presseaussendung in englisch – allein schon dafür könnte man unbedingt klicken; aber, wie immer, geht es um MEHR!
Donnerstag, 1. September _Fortsetzung vom 30. August in Sachen Fahrkarte. Mit Zug und Fahrrad nach Wien zu reisen. Der beste Zug der ÖBB nimmt dich schon mit aber nicht dein Fahrrad. Die ÖBB hat vermutlich den Kontakt zur Wirklichkeit verloren. Ein Fahrradtourenfahrer der sein Fahrrad nicht in einem Zug mitnehmen darf, in das Letzte. Also im Railjet darfst du kein Fahrrad mitnehmen, dafür kannst du einen Zug nehmen, der eine Stunde länger für dieselbe Strecke braucht. Eine durchaus gefinkelte Art jemanden spüren zu lassen, was man von ihm hält. Oder nur von seinem Fahrrad? Aber das Fahrrad und der Fahrer sind eins, klar! Eine echte Verschärfung neben dem erhöhten Zeitaufwand ist die Tatsache, dass der andere Zug keinen Speisewagen hat. Dafür aber eine Art „rollender Essenstisch“ wo es um € 2,70 eine lauwarmen Schluck schwarzen, so genannten, Kaffees gibt und dessen Essangebote (Ausnahmen bestätigen die Regel) ? Eltern lieber von ihren Kindern ferngehalten sähen. Die Frage wie, ob das nötig ist? Ob das eine Schikane ist? Oder einfach hinzunehmen, wie das Wetter oder die Spielchen der Kollegen von der Telekom? Was immer – als radfahrender ÖBB-Kunde bist du gestraft, das ist sicher – wenn vemutlich auch nicht alles! +++
Freitag, 2. September _Aber, es geht voran. Endlich auf dem Albertina-Platz. Vis-à-vis, das Café Mozart, wo der Topfenstrudel lacht. Aber du kommst grad vom Frühstück geradelt. Bist am Stephansdom vorbei geradeaus an der Pestsäule am Graben und nach einen kleinen Heimweh-Schlenker, um einen Blick auf`s Hawelka zu ergattern, gleich an Ort und Stelle gelandet. Ist das richtige Wort: gelandet, denn die Luft ist von einer exquisiten Milde, frisch und von einer Kühle, die schon wieder den Sommermorgen vergegenwärtigt. Und dann kommen auch die ersten Bekannten. Bussi, Bussi, na wie geht’s.
Und dann kommt ein ‘alter’ Freund, eine ehrliche Haut aus einem der Dörfer, die unsere Hauptstadt umzingeln, und du bist hin und weg über soviel einfache Herzlichkeit und Aufrichtigkeit. Wer zwanzig Tage radelt weiß diesen Rückwind zu schätzen, die anderen verstehen das sowieso nie im Leben. Also – dann, die Ansprachen (Botschaft, Organisator, Trägerinstitution), kurz bündig und hoffnungsfroh diplomatisierend mit Erfolgswünschen und einem aufmunternden „Enjoy Bosnia“. Klar ist zweierlei: Das ist ernst gemeint und zweitens, die Dame weiß von Fahrrädern aus den Schaufenstern, wo die silbrigen City-Cruiser glänzen, damit hat sichs dann. Das Denkmal vom Hrdlicka an dieser Stelle, mit den schwarzen Marmorblock, den du mit knapper Not als einen die Strassen Wiens schrubbt den Juden identifizierst, fährt dir ein, weckt den Schmerz. Ein sanftheller Blitz – ein wenig nur wie damals in Damaskus – und an diesem Morgen traust du dich und hörst, was es sagt. Die Erläuterungen Pete Hämmerles streuen nur noch ein wenig Salz in die gerade aufgebrochenen Wunden.
Dann in den Sattel, so gegen 10 Uhr – ”die Taube fliegt” – entlang des Donaukanals, auf den Radwegen der Bundeshauptstadt geht’s hinaus in Grüne. Endlich gegen Mittag das Leithagebirge, der Neusiedler See glimmert irgendwie blau in der Hitze. Jetzt sind wir im Land, wo WEIN ein Familienname für einen Wirt ist. Und in Purbach gibts Schatten, keine Evangelischen, nur Katholische, im Pfarrheim das neu ist und „HEIMAT“ heißt. Es gibt WEIN, Traubensaft, Wasser mit und auf Anfrage auch solches ohne Kohlensäure. Prima ist das alles und ein Reporter von der Kirchenzeitung ist auch da, zum Drüberstreuen. Die Kollegen/innen von den Printigen waren brav, die von den bewegten Bildern ließen sich durch sowas nicht bewegen. Jeder Tag hat sein (offenes) Gemeinis. Angelika ist die Kette vom Blatt gehüpft, ein Schaltfehler, wie man bemerken muss; an einem anderen Damenrad „streifte“ etwas (ein kleines Plastikteilchen war verschütt gegangen, eine Frage der Besfestigungstechnik). Das Schild zeigt geradeaus und 9,5 KM nach Sopron. Einige meinen zu wissen, dass es aber links ab gehen müssen, wenn über Mörbisch nach Sopron wolle. Der hinzugezogene Ratgeber stand in der Wiese und kümmerte sich um seinen Tradktor. Freundlich meint er, das Schild sei immer schon so gewesen (geradeaus, 9,5 km) aber es meine in Wirklichkeit „links ab“ und wir glauben ihm, nach einer Vergewisserung, ob er auch tatsächlich ein Burgenländer sei.
Als wir dann rund 2,5 Stunden später, langsam etwas angegriffen von der sehr langen, bewaldeten Einfahrt nach Sopron hinein (an sich sehr schön, wenn man eine 20km-Tour macht) beinahe Zentrum erreiht haben, kennen wir die Burgendländer und ihre auf Schilder bezogene Denkweise etwas besser. Über die Mühen, eine PANZIO namens Cittadella zu finden, mehr ein andermal. Jetzt aber, nach fast 110 km und einem ansonsten recht normalen Tourtag ohne Pannen und viel, viel Kennenlerngesprächen ist wenig passiert. Man ist unterwegs, in Sachen Frieden und der „Code Of conduct“ wird sicher bald Bedeutung erlangen. Na dann, … +++
Samstag, 3. September – Es wird heiss. Nicht nur die 140 Kilometer von Sopron nach Gyenesdias. Der Stadtteil von Keszethely liegt direkt am Balaton, das Haus, die Pension, unsereres Gastgebers liegt wenige Minuten Fußweg vom Wasser. Doch davon sehen wir schlussendlich sehr wenig. Zuerst geht es aus Sopron hinaus. Der erste “Patschen” bei der Ausfahrt von Sopron.
Und nach dem Feld von kleinen Glasscherben am Gehsteig und Strassenrand – jedes für sich eine kleine spitz Radfahrer/innen-Unfreundlichkeit – die Überbleibsel der Kollisionen der letzten Jahre -ist es kein Wunder, dass einem der Reifen, die Luft ausgeht. Das Holpern des Hinterrades provoziert zuerst verwunderlich-fragen Blicke, um gleich darauf die erschütternde Klarheit zu präsentieren: Der erste Patschen. Zaezilias Fahrrad, das Hinterrad, hat es erwischt. Ein neuer Schlauch, Spannschrauben auf, Kette aushängen, Rad heraus, Mantel herunter, Schlauch heraus, neuer Schlauch hinein, bisschen aufpumpen und so weiter („il faut avoir des mains salles“ sagte J.P. Sartre, also: Man muss schmutzige Hände haben… haben wir, Monsieur Sartre) bis wir wieder auf der Nr. 84 rollen, schön aufgefädelt auf der stark befahrenen, von Spurrillen streckensweise heftig gezeichnet. Aber es ist trocken, sehr heiß und die Mittagsonne zwingt uns auf die Veranda eines Gasthauses. Mittagsrast. Im großen, schattigen Park vis-à-vis sieht man ein Brautpaar und einen Fotografen. Schön, man und frau traut sich auch in Ungarn – „Viel Glück“ rufe ich beim Wegfahren den Leuten zu, die freundlichen zurückwinken und sich gleich wieder ihren Hochzeitern zuwenden. Ist auch richtig so! Und noch siebzig Kilometer liegen vor uns. Es geht ganz leicht wellig durchs Land. Die Sonnenblumen auf den Feldern sind verbrannt, die Maisfelder stehen ziemlich grün. Auf einer Tafel am Feldrand lese ich: „KANSAS Nr. xxxxx“ und ich denke an Gentechnologie und Frankensteinexperimente und an einige meiner Mitradler, die einen ziemlich „grünen“ und „biologischen“ Eindruckmachen. Die ReiMüllsacke, abholbereit an den Strassenrand hingeworfen, machen den Eindruck als sie schon auf der Deponie seien. Kurz vor dem Balaton, unserem Zielort, erinnern sich einige der Jerualemradler (2009), die auf ihrer damaligen Fahrt diesen Weg schon einmal gefahren waren, an ein Restaurant und bekommen Lust auf ein gutes Abendessen. Und es kommt, wie es kommen muss im September in einem typisch ungarischen Speiserestaurant, voller deutscher Gäste. Ungarische Folklore, ein Pferd, ein Pony, ein Reiter im Nationaldress die hübsche kleine Ungarin auf dem Pony auch in der Nationaluniform der Folkloreungarn – und beide haben eine Peitsche und jetzt geht es los mit dem Knallen. Dann stellen sich die Damen aus dem Publikum vor den Peitschenknaller und er schnalzt sie an und die Peitschenschnur wickelt sich um die Beine, die Hüften und den Hals. Wohliges Gruseln verbreitet sich bei den Gästen, die ihre Krautsuppe löffeln. Die Suppe schmeckt hervorragend. Eine bedauern, dass sie so dünn sei – doch sie lernen, dass es kein Gulsch österreichischer Art ist sondern ein ungarisches Gyulas, das so gehört. Wer reist, lernt. Und nach Hause muss man ja auch noch. Also – acht Kilometer im Dunkeln auf einer ungarischen Landstrasse, heftiger Verkehr, kaum sichtbare Leitlinien, keine sichtbare Randbegrenzung – naja, so ist es halt. Und die Adresse der Unterkunft weiss auch keiner, also kommt der Herr Benedek mit seinem Auto und holt uns auf dem Stadtplatz ab. Aus die Maus, ab unter die Dusche, langer Tag. Die Generalbesprechung um 22 Uhr sieht mich in meinem Einzelzimmer mit Dusche und zwar schlafend. Gut gelaufen…
Sonntag, 4. September _Wunderbarer Morgen. Entlang der Bahnlinie führt der Radweg. Kaum ‘Gegenverkehr’ aber eben doch. Der Weg ist schmal auf wenn er nicht direkt ins Himmelreich führt sondern nur nach Nagytad. Auch die Kilometerzahl nimmt dem Morgen nichts von seiner frischen, strahlenden Schönheit. Der Balaton geht über in den hellblauen Himmel. Er erstreckt sich über ein phänomenales Land. Wir schwenken nach Süden, ein einziges Romadorf, viele Kinder und wenig Geld sind sichtbar. Die
Wirklichkeit ist von einem blauen Himmelszelt überspannt, aber die Realität, die soziale, die politische? Naja. Wir jedenfall haben Glück. Das Gasthaus im Ort das wir auf halbem Weg erreichen ist am Sonntag von 9 – 10 geöffnet, doch eine Viertelstunde später tut es – wohl für/wegen uns (?) seinen Dienst auch für uns. Die Wirtin lässt guten Kaffee aus ihrer Saeco, Wasser gibts auch und unser Belgeitbus ist auch da. Der neue Fahrer ist eingetroffen. Dann die „unendliche Weite der Puszta“, bei etwa 35 Grad im Schatten. Da schwitzt man schon ein bisschen für den Frieden, diesmal für den eigenen, inneren, mit sich selbst und jenen, die ein anderes Tempo verfolgen, ihren eigen Takt treten. Diese Das ganze Leben ist – in dieser Phase sicher – eine Übung, ein Art Ernstfall oder Fall. Schluß. Damit es in den Endspurt. Und ins Bett. Zur Meditation der unaussprechlichen Undenkbarkeiten, denen man an solchen Radfahrtagen begegnet. Bis dahin … +++
Montag, 5. September _Jeder Tag hat seine eigene Last, steht in der Bibel. Wenn du radfährst, auf Tour bist, kannst du das bestätigen. Die morgendliche Statausfahrt hat das übliche Problem. Wohin, in welcher Richtung liegt das Ziel. Die Kreisverkehre sind schweigsam. Ausserhalb der Stadt, wo es geradeaus geht, direkt hinter den Horizont, bemerkt man den Fehler. Kartenstudium, Fargen, Antworten – mit Glück ein Stück zurück. Hannes hat sein Laufrad wieder. Um einen „Spott“ beim Radshop von Nagyitad erstanden. Wir fahren weiter. Hoffentlich in die richtige Richtung. Ja – es geht übers Land, nach Barcs vorbei an Tabak- und Maisfeldern, endlos wie immer. Am Ende eines Dorfes endet der Asphalt, eine Sandpiste beginnt, wir fahren in der Landschaft, auf tiefsandigen Wegen, voller Dornen und wieder zurück. Bis zum einzigen Hochstand im Umkreis des Horizontes. Also – zurück zur Strasse und weiter gehts der kroatischen Grenze entgegen und der Stadt Barcs. Mittagspause und eine Suppe gehen gut zusammen. Und Frau Häusler vom ORF Vorarlberg will meinen Rückruf für die Morgensendung am folgenden Tag. Die letzten Forinth werden über den Tisch geschoben. Ein paar Kilometer durch ödes Vorstadtland. Der unaussprechliche Charme einer EU-Außengrenze spiegelt sich in den Gesichtern der Zöllner. Wir sind in Kroatien. Ein riesiges Plakat mit Benedikt XVI. sagt auf Kroatisch „Willkommen“. Ist überhaupt ziemlich katholische in diesem Teil jedenfalls. Saubere Kirchen und wenig Scheidungen, sagt die hübsche, junge Frau Takacs, die uns in Daruvar Unterkunft gibt in ihrer Pension. Vorher aber gibt es noch 25 hügelige, fast schon gebirgige Kilometer – ein Vorgeschmack auf das bergige Bosnien. Aber an allem merkt man eines – langsam wird es Ernst, in jeder Hinsicht. Die Lasten verteilen sich auf die Tage – aber auch die Erleichterung, die Erhellung, das belebende Licht. Und – immer in Bewegung bleiben. +++
Dienstag, 6. September _Von Daruvar in Kroatien bis nach Banja Luka in der Republika Srpska sind es – auf den Wegen, die wir mit unseren Rädern fahren rund 120 km. Gleich nach einer kleinen Abfahrt durchs Zentrum der hübschen kroatischen Kleinstadt mit ihrem Thermalbad geht es bergauf. Zuerst sind es 7% dann abwärts (6 %) und dann wieder aufwärts, allerdings 10 % oder soagr 12 % – so wird einem warm. Auch angesichts der Landschaft, die von ausgesprochenem Reiz ist, bewaldet, grüne Wiesen, kleine Dörfer und wären da die Einschusslöcher nicht, in den Mauern – man käme sich vor wie im Urlaub. Und wären da nicht die wohlgepflegten, kleinen Gräber am Straßenrand mit ihren glänzenden, schwarzen Marmorplatten, in die Namen von jung gestorbenen Leuten eingemeisselt sind. Oft steht die Jahreszahl 1995 dahinter. Dazu kommt Pakrac – eine vormals serbische Enklave in Kroatien. Die Menschen wurden mit Gewalt aus ihrem Leben gerissen, mit Gewalt aus ihrem Häusern verjagt und in alle Winde zerstoben. Aus den Ruinen von damals – warum sie immer noch stehen und nicht beseitigt oder wiederaufgebaut sind – das ist eine beißende Frage und sie gibt nicht nach, bis nach Okucany hinein und über die Grenze nach Bosnien-Herzegowina, wo ganz ähnliche kleine Grabmale am Weg stehen. Nach 5 Tagen sind wir, wo wir hinwollten. In Banja-Luka, der Hauptstadt der Republika Srpsa (der serbischen Republik). Hier soll unsere Friedensradfahrt einen neuerlichen Start nehmen, einen erneuerten Anfang bekommen. Hier wollen wir nochmals „starten“ unter den Bedingungen sozusagen des Reiselandes. Und die sind landschaftlich äußerst reizvoll, politisch höchst kompliziert. Unser Gastgeber ist – im Auftrag des Bischofs – Pfr. Ivica von der Pfarre zur Hl. Thèresia von Lisieux. In seiner Kirche (die am Samstag zur Messe ca. 20 Gläubige kennt und an die 130 offiziell gezählte Zugehörige) bzw. den dazugehörigen Räumlichkeiten übernachten wir. Beim einfachen Abendessen erzählt er dass es in seinem Land mit ca, 3,7 Mill. Einwohner etwa 130 (!!) Minister gebe. Und wir haben mit einer davon morgen um 9 Uhr einen Termin. Die Dame betreut das Ressort Familie, Sport und Jugend, ihr Name wird morgen nachgetragen und inwiefern das Thema Frieden das ihre ist, wird sich herausstellen. - Bis dato allerdings sind wir heute – am 5. Tag unserer Reise – müde, rechtschaffen müde, wenn es das bei Radfahrern/innen gibt. Und wir haben einen relativ soliden Frieden in der Gruppe. Auch das ist nicht selbstverständlich. Vielleicht deshalb. Einer meiner Mitradler „beichtete“ mit heute, dass er sich sehr schwer tue mit bestimmten Menschen, heute aber gelernt habe, dass einer von ihnen ihm zur Hilfe geworden sein, bei seinem „Kampf“ gegen diese „Schwäche“ – und: irgendwie empfinde er Dankbarkeit. Na ja, ist doch schon was… und wenn es in diese Richtung weitergeht, bekommen die kleinen Gräber am Rand und die Einschusslöcher in den Mauer vielleicht doch noch eine ‘ganz andere’ Bedeutung. So long, also bis morgen – da geht’s dann um Minister, Bischöfe, Presse und Ökologisches – alles in BiH (Bosna i Hercegovina), daort wo wir hinwollten und wo wir seit heute nun sind. Und wie! +++
Mittwoch, 7. September _Im Pressesaal des Bistums Banja Luka ist heute Betrieb. Der Bischog hat heute leider anderweitige Verpfichtungen. Jedenfalls erspart er sich 18 mit Friedenstraufbenlogos verzierte Radfahrer/nnen und eine Ministerin, die sich den Friedensradlern nicht so einfach entziehen konnte. Frau Nadar Tesanovic ist zuständig für Familie, Sport und Jugend in der Regierung der Republika Srpska. Man trifft sich um 9 Uhr im Hof des bischöflichen Anwesens gleich beim Eingang zur irgendwie mächtigen Kathedrale. Die Ministerin ist pressant. Ihre Assistentin in dunkelhaarig, hübsch und gut angezogen, ganz Pressefrau der Chefin. Die Chefin ist eine Dame mittleren Alters, Kroatin und Mitglied der der Regierung der Republika Srpska. Wie man sich fühlt als Ministerin einer Regierung, die weltweilt nicht anerkannt ist, diesem Thema ist untergründig die nächste Dreiviertelstunde gewidmet. Hier wird – das wird schnell klar – verwaltet, was der Vertrag von Dayton festgeschrieben hat. Die Völkerschaften des ehemaligen Jugoslawiens sollten wohl „auseinandergehalten“ werden. Es gibt in den Worten und Bildern der Ministerin kein Wort für Miteinander. Aber es gibt sehr viele Worte für Armut, Schwierigkeiten wirtschaftlicher und jene der politischen Art. Letztere sind die härtesten. Max Webers „Dicke Bretter bohren“ finden hier ein Äquivalent – so, dass es um Granit geht, der mit Kaffeelöffeln bearbeitet wird. Dabei ist nicht der Hauch eines zugkräftigen Motives erkennbar. Alles, was in diese Richtung bedeutsam wäre, wird sofort auf die eigene „Entität“, die Republika eingeschränkt und bezogen uns erstickt in einer eigenartig verängstigten Vertrauenslosigkeit. Klar: Der Spatz in der Hand zwitschert die Taube auf dem Dach in Grund und Boden. Das ist ein Schicksal wird gejammert und arm sei man dran und keiner helfe den 160 Dayton-Ministern/innen, die in den Kantonen werkeln.
Frau Tesanovic ist freundlich und geduldig heute früh. Mit den eher lästigen Fragen der radfahrenden Friedensmenschen, die wissen wollen, wie sich die Angelegenheiten Mladic und Karadzic auf die Beziehungen zu Europa ausgewirkt haben, geht sie routiniert um: Kriegsverbrechen gehören verurteilt, das meinen wir auch, sagt sie. Kein Wort verliert sie über ihre ministeriellen Aufgaben, das Arbeitsprofil ihres Ministeriums für Jugend, Sport und Familie. In unserem – vorsichtigen – Blick eigentlich das Zukunftsministerium für Bosnien-Herzegovina. Demgegenüber hört man: Banja Luka, ist eine moderne, europäische Stadt, aber „wenn Sie dann durchs Land fahren, werden Sie sehen, dass wir noch im Mittelalter stecken“. Viele Menschen seien geflohen während und vor und nach dem Krieg, sie fehlen hier, aber es sei entschieden, dass der Besitzstand der Geflohenen gewahrt bleibe. Die Hoffnung auf Rückkehrer ist da, aber nur recht schwach. Die Deutschklasse des katholischen Gymnasiums in Banja Luka mit über dreissig Schülern/innen jedenfalls macht deutlich, dass es unter den jungen Menschen eine regelrechte „Landflucht“ geben muss. Nur etwa fünf von ihnen sehen ihre Zukunft im eigenen Land.
Banja Luka ist eine ziemlich freundliche 200.000-Einwohner-Stadt mit einem gewissen “urbanen” Flair, dem breiten Boulevard an diesem, sonnigen Nachmittag. Die Cafés sind belebt, die Geschäfte gehen gut. Die neu renovierte orthodoxe Kirche im Zentrum ist ein Schmuckstück und das gilt auch jetzt schon für die – noch nicht fertige – Moschee. Das Trappistenkloster Maria Stern, eine Gründung des Langener Mönches Abt Franz Pfanner hat zwar nur zwei oder weniger Brüder, produziert aber einen exqusiten Käse nach französischem Rezept. Nicht schlecht für Banja Luka, finde ich, wo die Schüler im katholischen Gymnasiums frei heraus zugeben, dass sie nicht katholisch sind, aber im selben Atemzug aber nichts, wirklich nichts auf ihre Schule kommen lassen. Wir runden unseren freien Tag mit einer Torte in einem schönen Café mit Konditorei ab – fühlen uns gut, für die 75 gebirgigen Kilometer in Bosnien-Herzegowina, wo wir nun richtig angekommen sind, wie es scheint. Und es geht weiter, nicht schlechter als vor- und bisher… +++
Nachtrag - Bischof Komarica, der Mann der Stunde _Gegen neun Uhr abends. Gastgeber Monsignore Ivica hatte einen Grillabend angesetzt. Frau Slavica, seine Haushälterin, hatte gut eingekauft und Berge von Cevapcici und feinen Rostbratwürstchen wechselten vom Grill zum großen „Familientisch“. Gegen 21 Uhr fährt ein Skoda Superb auf den Hof der Pfarre zur Hl. Therese von Lisieux. Unerwarteterweise besucht uns der Bischof von Banja Luka, Dr. Franjo Komarica. Ein Mann, sprühend von Lebensfreude, Überzeugungskraft und einer strahlenden Freundlichkeit. Ein wenig wie der Pfingststurm rauscht er in die Runde und mischt uns auf in unseren Vorstellungen, Phantasien und Hoffnungen zum Frieden und zum Zusammenleben der Menschen in Bosnien-Herzegowina. Er ist der Mann der Stunde. Nicht nur in der Zeitrechnung der Friedensradfahrer/innen. Da ist mehr. Komarica fährt wie ein Wirbelwind durch die Geschichte seines Landes – eine Leidensgeschichte des 20. und 21. Jahrhunderts - und der Horizont ist weit. Es ist der Horizont des Menschlichen, der Sehnsucht des Leidenden nach Ruhe und einem guten Leben. Der Bischof kennt die Welt. Dort wo die politischen Eckensteher ihre Pläne schmieden, die Waffenhändler die Politik auf ihre Geschäfte hinbiegen, die Generäle ihre Soldaten im Sinne der Interessen der Machtpolitik ihrer Präsidenten die Völker vreschieben und Landschaften mit Gewalt überziehen.
Der kleine, quirlige, vielsprachige, katholische Bischof lässt sich das Wort nicht aus dem Mund nehmen. Er bringt sich ein für sein Land, für seine Landsleute, für die Kultur seines Heimatlandes, für die – im innersten Sinn des Wortes – Befriedung seiner Heimat, die er als Spielmaterial der Machtpolitik sieht. Die mächtige Katze Weltpolitik spielt mit den Mäusen auf dem Balkan. Dabei sähe er einen echten Beitrag seines Landes zu Europa, eine Bereicherung. Aber Europa – und wenn er Europa sagt, zeigt er auf uns, auf jeden von uns – mag und will uns nicht. Mit Bitterkeit spricht er von den politischen Realitäten, die sein Land und die Menschen in einer Art Verhaftung halten. Man hatte beim Dayton-Vertrag bereits von einem Dayton II oder Dayton III gesprochen. Das aber ist vergessen worden oder verdrängt wohl eher, oder im großen Spiel untergegangen?
Bischof Komarica ist der Mann der Stunde. Auch jener Stunde, die kommen wird, wenn Europa, die Menschen Europas ein Einsehen bekommen haben werden, dass die Politik Brüssels, Paris’, Berlins Washingtons – oft gelenkt und immer dominiert von unzähligen, gesichtslosen Eckenstehern und Einflüstrern in den Hinterzimmern oder Vorzimmern der Macht – nicht das „gelbe vom Ei“ ist. Wenn die Stunde Komaricas kommt, ist das auch das Ende der Ausreden und der Beginn vielleicht einer Zeit, in der die Freude an der Gemeinsamkeit das Leiden am Gegeneinander eingeholt oder gar überwunden haben wird. Der Mann, dessen Mutter von einem serbischen Soldaten aus ihrem Heim, dem Haus und dem Ort – an dem sie dem Land elf Kinder geschenkt hatte – vertrieben worden war, spricht von Versöhnung und Verzeihung und seine Stimme wird um eine Nuance schwerer, doch der Klang der Hoffnung in ihr, bleibt. Obwohl die Geschichte vom Messer des serbischen Landmanns an der Kehle seiner Mutter tief in sein Herz schnitt – aber der Sohn, der Kroate und der Bischof suchen die Versöhnung, den Lebensfrieden. Ein wenig davon verkörpert er selber und wandert so durch die Geschichte unserer Tage, nützt die Stunden – bis sie kommt. Ein Kairos für Bosnien-Herzegowina wäre eine Kairos für Europa. Bis dahin aber bleibt politische Wachsamkeit und spirituelle Aufmerksamkeit beide persönlich wichtig und weltpolitisch unverzichtbar sind. Für einen Abend in Banja-Luka, zwischen 21 und 23 Uhr gar nicht so schlecht – oder? +++
Donnerstag, 8. September 2011 _ Heftiger Start in Banja Luka: Ein Kamerateam eines alternativen Fernsehsenders ist da. Tichomir, der sich mit seinen Freunden um umweltverträgliche Fortbewegung in Banja Luka kümmert, hat seine Beziehungen spielen lassen. Und der Bischof Komarica hatte sich ins Radlertenu geworfen. Schwarze Hose und Friedensradfahrtleiberl und auf dem bischöflichen Haupt eine weisse Kappe mit „RADIO MARIA“ drauf. Nach den Bildern und Interview im Park vor dem alten Bahnhof fahren wir das Tal des Flusses VRBAS, den man in seinem Lauf mit mehreren Mauern staut. Das ergibt in dieser wunderschönen Landschaft mit der – mit Europa-mitteln ausgebauten Straße, eine schönes Bild. Touristisch durchaus von Interesse – doch im Moment wird die Ruhe nur von den Fernlastern unterbrochen. So kommen wir 78 km später nach Jajce, einem bosnischen Sädtchen, schön gelegen inmitten von bewaldeten Hängen, am Zusammenfluss von Pliva und Vrbas, mit einer Burgruine und schönen mittelalterlichen Anlagen, die reltiv gut gepflegt sind und zugängliich. Unser Abend gehört Samit vom Jugendcenter hier in Jajce, der seinen neu eingetroffenen Friedensdiener Götz aus Görlitz – er wird eine Art soziales Jahr hier verbringen – mit. Samir arbeitet in seinem Zentrum mit Kindern. In Jajce sind alle Volksgruppen vertreten. Der Krieg hat 1200 Menschen – die Nachbarn waren vorher – das Leben gekostet.
Die Kirchen der Katholischen, der Orthodoxen und die Moschee der Muslime sind allesamt Zeugen einer tief verwurzelten gemeinsamen Kultur, einer bosnischen Kultur, die hier seit dem Mittelalter Wurzen geschlagen und Zeichen geschaffen hat. All das ist heute 16 Jahre nach dem Krieg nicht wieder „normalisiert“. Seine Geschichten tun weh, angesichts der Häuser der Stadt und der Musik, die aus dem tief unten gelegenen Restaurant zur Burg heraufklingt. Wehmut und Hoffnung klingen zwischen den Zeilen des jungen Mannes, der uns nach 2 Stunden verlässt, um den Rest des Abends mit seiner Familie zu verbringen. Wir fahren mit den drei vorhandnen Jajce-Taxis zurück in unser Hotel am Plivasee, schlafen schnell, denn morgen erwarten uns zwei Begegnungen und zwei neue Erfahrungen mit Menschen in Bosnien-Herzegowina, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, versuchen das Leben zu gestalten, in die Hand zu nehmen, was ihnen die Politik zum Leben gelassen hat und was die Tage bringen.<.
Freitag, 09. September 2011 – Um diese Zeit steigen schon die Nebel am künstlich angelegten Pliva – See. Es ist herbstlich, als wir die Abfahrt nach Jajce hinunter sausen. Vorbei an den idylllischen, kleinen Katarakten der Pliva-Fälle. Samir hat uns – mir wegistens – ordentlich Stoff zum Nachdenken gegeben. Die flache Strasse entlang des VRBAS-Flusses erlaubt ein zügiges Tempo und der Fahrtwind in der Morgensonne trägt auch schon die Ideen zum heutigen Tag. In Donji Vakuf begegnen wir Delka und Admir. Sie studieren in Mostar und versuchen in ihrer Stadt zwischen orthodoxer Kirche, der Moschee und einer Art Kulturpalast etwas Zukunft aufzubauen. Ihre Geschichten klingen so, als ob die Beseitigigung der Hindernisse auf dem Weg zur Sache schon ziemlich ermüdend ist. Die Sache selbst, Zukunft durch Miteinander und Begegnung zu schaffen, oder durch die Entwicklung demokratischer Strukturen bleibt oft auf der Strecke. Das wirklich Gute an alledem in D. Vakuf scheint, dass die jugen Leute nicht resignieren. Aber die zähe Schwere in allem ist in der Mittagshitze gut zu spüen. Dennoch: Sie geben irgendwie nicht auf.
In Gonji Vakuf, etwa 35 Kilometer weiter – das VRBAS – Tal öffnet sich weit und gibt beidseitig die Berge zu erkennen – haben wir einen Demonstrationstermin. Junge Leute vom Omladinski-Centar (Jugendzentrum) haben sie organisiert und unter Absingen eines Friedensliedes, dessen Inhalt uns eigentlich verschlossen bleibt, ziehen wir mit den überwiegend weiblichen Jugendlichen „um die Häuser“, vorbei an den Cafes, in denen die Männer sich über unseren Zug amüsieren. Das alles ist nicht lustig. Denn die krotatischen und bosniakischen Kinder und Schüler haben ihre Klassen zwar in einem Schulgebäude, aber sie haben keinen gemeinsamen Unterricht. Die katholischen Kroaten lösen um die Mittagszeit die bosnischen Muslime in den Klassen ab. Sie sind gute Kollegen/innen in der Schule aber durch das Dorf ist eine Art Demakationsliene zwischen den Volksgruppen eixistent, die die jungen Leute trennt. Das scheint ihnen nicht zu gefallen – und uns eigentlich auch nicht. So gehen wir mit und erkennen auch, dass friedliche Unterstützung in direktem Kontakt für eine gute Sache auch uns selber gut tut. Dennoch: Die Hoffnung ist auch hier ein weiter Horizont und wenig konkret. Denn Dino, der Sohn des Arztes am Ort, ist hier geboren – aber wenn er mit der Schule fertig ist, will er nach Amerika, zu seinem Bruder und er wird nie mehr in seinen Geburtsort wiederkehren. Schade, aber so ist das Leben hier! +++
Samstag, 10. September 2011 _ Die an sich gelungene DEMO mit den jungen Leuten von Omladiniski Centar von gestern abend wirkt nach. Die jungen Damen aus Gornij Vakuf haben viel erzählt aus dem Leben ihrer Stadt, die von einer eigenartigen und kaum nachvollziehbaren Zerrissenheit gezeichnet scheint. Es verlaufen tiefe Gräben und Schluchten zwischen den Volksgruppen und Religionszugehörigkeiten, die den Alltag intensiver zeichnen als es für ein gutes Leben wichtig wäre.
Heute fahren wir nach Mostar. Man spricht von etwa 80 Kilometern, gebirgig soll es werden. Sofort nach der Stadtausfahrt wird das klar. Vor die Erfüllung aller möglichen Wünsche haben die Fahrrad-Götter – auch in Bosnien – die Berge gesetzt. Gleich nach Gornij Vakuf beginnt der Anstieg zum 1123 m hohen Malkenkij-Pass. Ein ziemlich genau 15 Kilometer langes Stück Arbeit für die Radlerinnen. Die Straße ist sehr gut ausgebaut (Europa!), in den Lichtungen auf mittlerer Höhe sieht man Skihütten und auch kleine Skilifte des Radusha-Skigebietes. Wir fahren bei herrlichem Wetter. Die Morgenkühle ist herbstlich. Oben auf dem Pass gibt es ein Gasthaus, wunderbar!
Die Abfahrt zieht sich etwa wunderbare 20 Kilometer hin bin hinein nach Jablanice, eine wunderbare Fahrradstrecke, wenn auch der Verkehr beachtlich ist. Nach Jablanice wird es heiß. Es ist drückend heiß. Das Neretva-Tal – ein einziger Stausee mit Fischzuchtanstalten (Lachs, Forellen) zieht sich bis nach Mostar hinein. Immer wieder durch Tunnels unterbrochen führt die Strasse entlang des grünen Wassers. Dann sind wir in Mostar. Die Orientierungsphase dauert, wir irren ein wenig durch die Stadt und betrachten den Weg zur Unterkunft als vorweggenommenes Sight-Seeing, in der durch so manche Schrecklichkeiten berühmt gewordenen Stadt. Die „most famous“ Neretva-Brücke wird morgen, am Sonntag wohl auf dem Programm stehen. +++
Sonntag, 11. September 2011 _ Nine Eleven an der Brücke von Mostar. Eigenartiges Gefühl an diesem sonntäglichen Morgen im Studentenheim. Hoch über Mostar, auf dem naheliegenden Hügel, ein Kreuz. Noch im Blickfeld, wenn man nach unten schaut, das Minarett der Moschee im Tal, in der Stadt. Es gibt 29 davon und Kirchen mit Kreuzen auch. Um 9. 30Uhr startet die Stadtführung. Den Termin mit dem Bürgermeister müssen wir in den Kamin schreiben. Sonntag. Also, zur Brücke über die Neretva. Durch die Strassen Mostars, vorbei an der einen oder anderen Riesenruine auf den Platz der Spanier, wo fast 30 spanische Soldaten im Krieg von einer Grante zerfetzt worden sind. Die Kombination von Friedenstaube und Stahlhelmen auf dem rechten unteren, kleineren Gedenkstein ist eigenartig. Die neu renovierten Gebäude teils hässlich, teils erträglich. Je näher du der Brücke kommst umso höher werden die Preise. Der Tourismus belebt das Geschäft. Gleich rechts vor der Brücke eine kleine Moschee im Ensemble der schönen Altstadt, mit ihren engen Gassen, in denen jetzt die Mittagshitze brütet. Eine Kiste, auf der verschiedenen Flaschen mit Schnaps angeboten werden, lässt mich einen Schritt in diese Richtung tun. Ein freundlicher Mann kommt heraus, spricht deutsch und erklärt, das sei Slivovitz. Dann wird sein Blick spitzer, er hat wohl meine Friedenstaube auf dem Polohemd gesehen. Sein Thema sind die Serben. Er legt los, schimpft, auf Zustimmung hoffend, wird immer heftiger, weil die Zustimmung ausbleibt – und dann bricht es los wie ein kleiner Sturzbach, heftig und mitreissend, sein Hass auf die Serben. „Österreich“ sagt er hoch erregt, „in Österreich sind 200.000 Serben, sind Sie sicher, dass sie bald nicht mehr aufstehen werden.“ Wie vom Donner gerührt stehe ich und höre die Geschosse zischen, die Granateneinschläge, Schreie der Menschen und peitschendes Maschinengewehrfeuer – aus dem Mann spricht der Krieg aus Hass. Und gleich vis-a-vis verkaufen sie kupfern glänzende Geschosshülsen, die man zu Kugelschreibern und kleinen Spielzeug-Kampfflugzeugen umgebaut hat. Souvenirs from Mostar! Irgendwie scheint die Brücke nicht so recht zu funktionieren, obwohl sie tut, was sie tun muss: Verbinden und Trennen. Die Stadt ist voller Verletzungen und Wunden, von sichtbaren und unsichtbaren Einschüssen gezeichnet. Und in den Seelen der Menschen finden sie sich wieder, in einer erschreckenden Selbstverständlichkeit, vernarbt vielleicht, wenn die Leiterin des einzigen, alternativen Kindergartens sagt, dass Mostar eine „geteilte Stadt“ ist und dabei lächelt. Ein Lächeln wie eine Brücke, die funktioniert, wie sie funktionieren könnte und sollte. +++
Montag, 12.09.2011 _ Das Studentenheim in Mostar liegt wunderschön. Man einen herrlichen Blick über die Stadt. Von unserem Zimmer mit Balkon haben wir ihn genossen, zwei Tage. Heute früh sind wir den Hügel hinunter gefahren bis zum Mercator-Markt, unserer Verpflegungsstation in unserer Mostar-Zeit. Omletts, Palatschinken, Kaffee aller Art, Pivo, Wasser und Limonade – wir beuteten den Laden aus – nach Strich und Faden. Heute also Frühstück im Merkator und dann in den Integrativen Kindergarten gefördert von Evangelischen Dikaonie Österreichs (Gallneukirchen), dem Rotaryclub Linz und Rotary International und vom ADA (Austrian Development Agency). Der Betrieb dieses Projektes mit 40 Kindern von denen ein kleiner Teil (2- pro Gruppe bei einer Gruppengröße von 20 Kindern) spezielle Unterstützung braucht kommt mit einem Budget von rund 100.000,– Euro pro Jahr aus. Eine Leiterin und vier fest angestellte Pädagoginnen und eine Reihe von spezifischen Therapeuten/innen sind in dieser Summe inbegriffen. Dazu kommt ein monatlicher Beitrag von 80,– Euro, den die Eltern zu leisten haben. Nicht viel, wenn mann bedenkt, was damit an Gutem, an Integration erarbeitet wird. Die Kinder werden Freunde fürs Leben – doch in Wirklichkeit ist es so, dass sie nicht dieselbe Schule besuchen werden sondern die Schule jener Ethnie eben, der sie zugehören. Damit aber wird der spielerisch gewonnene Vorsprung ganz schnell wieder eingeeebnet und der „circulus vitiosus“ nimmt seinen Lauf. Wir bekommen Kekse und Kaffe, Wasser und Tee serviert, die Kinder spielen im Hintergrund während die radfahrenden Besucher/innen aus Österreich noch ein Friedenslied als Dank und zum Abschluss des informativen Besuches zum Bestem geben. Danke, Frau Biljana und Kollegen/innen – wir haben die Zukunft Mostars im Sandkasten gesehen und auch ein Stück jener von Bosnien-Herzegowina, gerade genug, dass es uns weiterträgt durch das schöne Neretvatal hinauf wieder nach Jablanica und dann rechts ab in Richtung Sarajevo. Heute sind wir nur bis Konjic gekommen – immerhin, weit genug, um wieder ein wunderschönes Stück von BiH landschaftlich kennengelernt zu haben. Abends machen wir einen Stadtrundgang in Eigenregie. Vorbei an unsäglichen Hochhäusern gehen wir in Richtung alte Stadt, wo das erneuerte Holzkunstmuseum angeschrieben ist und die alte Neretva-Brücke mit Fundamenten aus der Römerzeit schmiegt sich ins Ortbild wie man es sich nur wünschen kann. Am Neretva-Ufer findet sich ein Restaurant mit hervorragender Küche – und die Annehmlichkeiten der bosnischen Kultur im gastronomischen Bereich reichen sind zahlreich. +++
Dienstag, 13.09.2011, Konjic – Sarajevo _ Das Motel Konjic wäre eine eigene Geschichte. Einladend an der Stadteinfahrt gelegen, nahe der Neretva, die auf der strassenabgewandten Seite des Hauses gemächlich vorbeifließt. sieht es von aussen durchaus respektgebietend aus. Ziemlich modern anmutend, in Beton ausgeführt, weckt der zweite Blick den Verdacht, der dann beim Betreten des Zimmers seine Bestätigung findet. Wir wollen es dabei belassen! Schließlich hat man beim Schlafen die Augen zu und auch die anderen Sinne sind nur reduziert in Funktion. Drei tschechische Motorradfahrer haben auch hierher gefunden und nach einigen Diskussionen um den Preis verlassen sie mit uns die gastliche Stätte für ihre weitere Reise, die sich ans Schwarze Meer führen soll. Nach dem – wie wir inzwischen wissen – ortsüblichen Frühstück, weit entfernt vom durchschnittlichen, westeuropäischen Standard, machen wir uns auf den Weg nach Sarajevo. Die Etappe ist kurz aber heftig. Mit einem sehnigen Anstieg gleich hinter Konjic werden wir gerpüft. Die Morgensonne tut ihr übriges und das Tempo sinkt, langsam aber sich – der regelmässige Tritt übernimmt und der Atem geht heftig. An die 15 Kilometer bosnische Meditationen: Aufgeräumte Häuser, ein Mann mäht das Gras vor seinem Haus, eine Frau hängt Wäsche auf, an der Straße wird Gemüse verkauft und Obst, Zwetschken, Pflaumen und anderes, die Verkäufer sind hier Männer, die ernst vor ihrem farbig, bunten Angebot sitzen und auf Kunden warten, die Strasse ist neu, gut asphaltiert und im Café vor der Passhöhe wird serviert, was man bestellt, zwei Jeeps fahren vor, Männer in Uniformen steigen aus, öffenen die hinteren Autotüren und geben den Blick frei auf zwei Hunde in Käfigen. Hier wird die Betrachtung zur Meditation der Realität: Minensucher und Minenhunde machen Pause hier im Café. „Die Republik Bosnien-Herzegowina weist die sechsthöchste Minenverseuchung der Welt auf. Bis 2009 soll das Land „minensicher“ gemacht sein. Für einen entsprechenden „Operativplan“ sind jährlich rund 20 Millionen Euro vorgesehen.“
Noch ein paar Kilometer aufwärts und es geht hinunter in Richtung Sarajevo. Das Tal öffnet sich, die Landschaft verliert das grüne Kleid der Berge, es wird städtischer, das Gras verdorrter, die Strassen mehrspurig und am Himmel sinken die Flugzeuge in Richtung Flughafen. Sarajevo ist eine internationale Stadt. Der Verkehr signalisiert das, nahe am Stau aber dennoch fließend, gleiten wir am Rand mit in Richtung Zentrum, Altstadt und endlich sind wir da. Pulsierend, das Leben, eine vitale Stadt, viel Jugend, heftiger Betrieb in den Cafés, in den Speiselokalen. Heiß ist der Septembertag und nach einer ausgiebigen und genussvollen Mittagspause fahren wir in unserem Quartier für heute und morgen. Es liegt ein wenig außerhalb, in den umliegenden Bergen, etwa drei Kilometer bergauf und jetzt, wo ich hier schreibe, schweift mein Blick über das Tal. Die Zikaden begleiten den sanften Abend, der langsam hereindunkelt. Selbst hier, in diesem Bergdorf, ruht der Verkehr noch nicht. Der KONZUM vis-a-vis ist offen und der Besitzer des Hauses, in dem wir eingemietet sind, startet mit seinem BWM-Geländewagen. Ich sitze auf dem Balkon des Hauses, einige von uns sind in die Stadt gefahren, einige sind hier geblieben, ruhen sich aus und bereits sich vor auf dem morgigen Tag. Eva bereitet sich auf einen Märchenerzählabend vor – und dort gehe ich jetzt hin!
13. Tag, Dienstag, 14. September 2011 (Sarajevo, Begegnungen) _Einzelne hatten sich einen Ruhe-Tag erhofft. Der Kilometerstand auf den Tachos ist auch in den Beinen spürbar. Es wird ein Nicht-Radfahr-Tag, von Ruhe hat keiner mehr gesprochen, als wir von unserem Hausherrn in einem kleinen Peugeot (3 hinten 1 vorn neben dem Fahrer) über eine schmale Straße ins muslimische Viertel hinter gekarrt werden, wo es im Haupthaus (wir wohnen im Appartementhaus), einem Hotel ein Frühstück gibt. Mein erstes Frühstück in Sarajevo hätte ich mir zwar anders vorgestellt, doch der anschließende Gang in die Stadt entschädigte für alles. Sarajevo im Licht der Morgensonne, auf den Gehsteigen der Innenstadt und durch die Geschäftsstraßen zur Kathedrale – die geschäftig eilenden Herren in den dunklen Anzügen, die jungen Männer in ihren Jeans und chicen T-Shirts, von den jungen Damen und den älteren auch, die die Cafés bevölkern gar nicht zu reden. Sarajevo lebt – und wie!
Ganz in der Nähe der Kathedrale sind wir beim INTERREGLIGOUS COUNCIL IN BOSNIA-HERZEGOWINA. Dass Frau Bozana Ivelic-Katava – unsere katholische Kontaktfrau und Mitglied im Rat wegen eines Staus sozusagen erst „post festum“ eintreffen kann, unterstreicht die urbane Dimension des alltäglichen Lebens in Sarajevo. Der Rat ist auf der Basis von Fundraising finanziert. Ein (dickes) Buch ist herausgegeben worden, in den Sprachen Bosien-Herzegowinas und – das ist bemerkenswerk (!) – in Blindenschrift – und erklärt die Sitten und Gebräuche der Glaubensgemeinschaften (Festkalender, Feste etc.) dem jeweils anderen. Die Räumlichkeiten (durchaus respektabel) der MRV sind in einem Haus untergebracht, das in jüdischem Besitz ist. Ob überhaupt und wenn ja wieivel das kostet, bleibt ein Geheinmis. Man gewinnt den Eindruck, dass der Rat eher zürürckhaltend interagiert und das auf allen Ebenen. Das Thema der Versöhnung, dem man sich intensiv widmet, wird vor allem in Frauengruppen und von einzelnen Theologen in den einzelnen Religonen thematisiert. Eine Kooperation oder Ansätze gemeinsamen Nach- und Vordenkens der Religionen in diesem zentralen Thema sind keine gegeben.
Dem Budget von 15 Millionen Euro, unterstrichen durch die erkleckliche Anzahl von rund 500 Mitarbeitern/innen entspricht dann der Empfang bei der OSZE in Sarajevo. Der Security-Mann, der uns in den Lift und wieder heraus und hinein in das Sitzungszimmer (im 14. Stock oder so) und die dort wartenden, ernsthaft und geschäftig dreinblickenden jungen Damen und Herren in dunklen Anzügen und chicen Kostümen macht klar, dass es um Wichtiges geht: Mr. Fletscher Burton aus Amerika ist der neue OSZE-Chef (und nicht Frau Plassnig) und taucht auf. Rank und schlank und in feines Tuch gekleidet, erzählt er – ganz Diplomat – von seinem Weg hierher, an diesen Ort, an diese Stelle und in seinem Ferienhaus habe er auch ein Fahrrad, lacht er leutselig. Neu sei er auch, obwohl er während des Krieges schon in der amerikanischen Botschaft Dienst getan habe und diese Stadt und dieses Land lieben gelernt. Aber er erzählt lieber von Leipzig, wo sein letzter Einsatzort war. Er flicht ein, dass er „Ratlosigkeit spüre“, was die Situation in BiH angehe und meint: „Jetzt sind wir wieder beim Gegeneinander, nicht kriegerisch zwar, aber eben doch…“ – auch „dass es mehrere Generationen dauern wird“ bis dieses Land zu sich finden könne und dass jede „Weiterentwicklung brisant“ zu qualifizieren sei. Zu alledem müsse er in seiner neuen Aufgabe „noch viele Gespräche führen“ und wohl auch über das anspruchsvolle Programm, das die OSZE in BiH zu realisieren such – auf der Ebene der Kommunen, der Kantone, der Parlamente und anderer regionaler, kommunaler und nationaler Institutionen. Unsere Idee und unsere Friedensradfahrt findet Mr. Burton eindeutig unterstützungswürdig und er möchte seine Presseleute für unsere Fahrt ein wenig Kontakt machen lassen, verspricht er. Eine junge Dame aus Dänemark (chices Kostüm!) gibt sich als Protokollantin zu erkennen und meint, dass sie das, was wir hier tun „wirklich sehr interessant“ finde. Immerhin..
Und schließlich noch zur Caritas Sarajevo und zu Zlatko Malic – seine absolut professionelle Präsentation der Arbeit seiner Institution auf nationaler Ebene ist engagiert, sachkundig und höchst interessant. Die internationale Einbindung stützt sein „Unternehmen“ und der junge, smarte Mann macht verständlich anhand von Projekten und Zahlen, wie in dieses Land bei allen tagtäglchen Schwierigkeiten etwas vorangebracht werden könnte. Eine gute Idee, die die Menschen innerlich anspricht und sie motiviert sich einzusetzen mit Herz und Hand für den Nächsten ohne Ansehen seiner Nationalität, das wärs…Zlakto lächelt, wissend …
Wie lebensrettend für viele, viele Menschen Solidarität und Miteinander sind im TUNNEL-MUSEUM deutlich. Es erinnert anden Bau, die Funktion und Bedeutung des rund ein Kilometer langen Tunnels unter dem von der Nato benützten und geschützten Flugfeld Sarajevos hindurch. Lebensnotwendiges und -rettendes aber auch Waffen, Zigaretten und wer-weiss-was-noch-alles fand in diesem Tunnel den Weg in die beschossene Stadt hinein und heraus. Verbrecherisches und Verbrecher, Schmuggler und Kriegsgewinnler wohl inclusive. So genau allerdings, weiß es auch das sehenswerte TUNNEL-MUSEUM nicht.
14. Tag, Mittwoch, 14. September 2011 (von Sarajevo nach Vlasenica) _ Fast 100 Kilometer BiH gab es heute. Vorzüglich Anstiege gab. Von der Haustüre weg sozusagen Mountainbiking. Ziemlich feine Sache. Gute Tour. Super Landschaft. Wetter herrlich. Ziemlicher Gegenwind erhöht den Muskelreit. Die Schnellfahrer um Hannes vergessen fast alles und preschen los. Genauer gesagt: Pausenlos bis fast nach Vlasenica. Für mich gibt es das Geschenk so manchen einsamen Kilometers. Es denkt sich gut so im Radfahren. Die Strasse ist gut. Sie zieht sich in sanften Kurven über die Hügel nach oben, zu den Passhöhen, die alle keinen Namen tragen. Und Meereshöhe scheint in BiH überhaupt ein Fremdwort zu sein. Die Häuser in den kleinen Siedlungen sehen alt aus. Manche sind verfallen. Manche sind nigelnagelneu. Dazwischen immer wieder kleine Schafherden und einesame Kühe, die auf die Straßen überqueren. Ein gefährliches Unterfangen. Es gibt weit mehr schnelle Mercedes, BMW und Audis in BiH als Radfahrer/innen. Und die Hunde. Sie bellen sich die Zunge aus dem Leib, wenn sie angebunden sind, wie meistens. Wenn sie nicht angebunden sind, bellen sie auch und stürzen auf die Strasse, verfolgen bellend und hecheln den Radler, der mit aller Kraft davontretet. Und es gibt Wald. Wald. Wald. Irgendwie versteckt in den Lichtungen erblickt man ziemlich großangelegte Holzfabriken,Sägewerke, riesige Haufen von gefällten Bäumen und schwere LKW für ihren Transport.
Bei KM 80 ungefähr – HAN Pijesak ist der unaussprechliche Name des Ortes – noch einen Anstieg, ghörig und ziemlich zäh – es ist bald 17.30 Uhr – und dann geht es nur noch hinab nach Vlasenica. Der Linienbus quält sich die schöne Strasse hinunter. Er wird überholt, was mit ca. 65 km bei dem Gefälle – no problem! Dann läuft die Strasse ins Ebene aus und ins Dorf – oder ist eine Stadt – hinein. Der müde Charme aller Resignation zieht sich grau über den brüchigen Asphalt, die Wände des Wohnhochhauses hinauf, selbst die Ampel blinkt traurig. Hier im Osten BiH, in der Republika Srpska, ist nicht so gut sein. Unter der herbstlichen Abendsonne verdichtet sich eine eigenartige Trauer mit müder Vergeblichkeit. Wenn es hier Chancen gab, sind sie jetzt offenbar vertan und Brüder, Schwestern und Onkeln und Tanten aus Australien und den USA, der Schweiz oder Deutschland schicken „money from abroad“ und dorthin, dorthin wollen die Jungen und – wer weiß – so mancher Alte wohl auch. So bleibt die Frage: Weshalb wir von den beiden Motels in Vlasencia jenes erwischt haben, dessen Zusammenbruch kurz bevorsteht und – wenn überhaupt – Bier mit abgelaufenem Datum verkauft und nicht jenes, das wunderschön gelb aus dem Tale in die Höhe leuchtete und so zu erkennen gab, das Unterkunft weniger mit Vegetieren als vielmehr mit gutem Leben zu tun hat. +
15. Tag, Donnerstag, 15. Sept. 2011 (von Vlasenica nach – Srebrenica) _ Wenig Kilometer, bei schönem Wetter, die Annäherung an die Unmenschlichkeit, die seit 1945 in der ganzen Welt immer wieder neue Namen bekommen hat: Srebrenica. Aber der Reihe nach: Die vorangegangene Nacht in einer „Kommunistenschaukel“ der Sonderklasse in Vlasenica – ihr Name: Motel Panorama – war trotz des Wasserstaus in den Duschbecken, trotz der nicht bis kaum funktionierenden Wasserspülungen, des millimeterdicken Staubes auf den Fenstern, den unsäglich ungereinigten Teppichen – gar nicht so schlecht. Ein Panorama des Schreckens, eine Art Ferienunterkunft für Frankenstein, ein Hotel, in dem man inclusive Frühstück bucht und dann den Kaffee eigens verrechnet bekommt. Aber – wie gesagt: Die Betten waren frisch bezogen und die nächtliche Ruhe war gegeben, ab 1 Uhr jedenfalls.
Der Tag zeigte sich wieder von der besten Seite. Warm und sonnig, streckenweise sanfter Gegenwind. Zuerst geht es bergab, entlang eines Flusses, der wie fast überall in diesem Land als fließende Müllkippe herhalten muss. Wir fahren durch zwei drei kleine Dörfer bis wir uns des Weges vergewissern müssen. Die Landkarten sind ziemlich unterschiedlich und der Tankwagenfahrer der sich auf dem schattigen Parkplatz ausruht, weiss Genaueres. Geradeaus und dann links ab. Im Dreieck angeordnet bietet sich an der Abbiegestelle eine kleine serbisch-orthodoxe Kirche an, ihr gegenüber eine riesige Tankstelle mit der üblichen asphaltierten Umgebung und schließlich ein Eckhaus, ziemlich groß, das als Supermarkt, Gasthaus, Restaurant, Hotel und Treffpunkt für die Schüler/innen, die auf den Bus warten. Dass der Inhaber und Betreiber dieses „Vitalkonzerns“ ein junger Mann ist, der bestes Französisch spricht, das er – wie er auf Nachfragen erklärt – in der Schule gelernt hat, erstaunt nicht weiter.
Von hier geht es in ein Tal hinein bis nach Bratunac. Die ersten serbischen Dörfer mit den unsäglich protzigen Heldengedenkstätten wirken irgendwie alarmierend. Zerschossene Häuser, links und rechts des Weges, der leicht bergauf führt – in Richtung Srebrenica. Die Mittagspause bringt Spaghetti und Pizza Capricciose in einer ziemlich neuen, gut eingerichteten Pizzeria in einem serbischen Dorf. Einmal mehr bedauern wir, nicht die Sprache der Leute zu sprechen – man könnte sicher viel über das Leben hier erfahren. Und über den Krieg. Denn hier in Bratunac sind damals 1995 die Hilfslieferungen für die Leute in Srebrenica (es waren an die 60.000 Menschen dort) – Nahrungsmittel, besonders Babynahrung, medizinisches Equipement und Arzneien und andere lebensnotwendige Dinge von der serbischen Soldateska angehalten und nur gegen „Zoll“ – also Abgaben eines Großteils der Ladungen für die eigenen Leute hier in Bratunac – durchgelassen worden. Srebrenica muss die Hölle gewesen sein. Die Menschen in der ehemaligen Batteriefabrik, zusammengepfercht wie Vieh, unter serbischem Beschuss von den umliegenden Hügeln. Das Tal, in dem sich die Gedenkstätte befindet, ist ein liebreizender Ort. Srebrenica war ein Kurort, vor dem Krieg, für die Menschen aus Jugoslawien und mit internationalem Ruf. Der Gang durch den Friedhof für die muslimischen Menschen führt auch an einem Grab für eine katholische Familie vorbei, die hier ihre letzte Ruhe gefunden hat. Die Bilder des Films der Gedenkstätte rufen die alten Bilder aus den Fernsehberichten wach. Sie sind heute doppelt schrecklich. Dennoch sagt in diesem Land – noch (!?) – niemand ein deutliches „Nie wieder“, niemand in den serbischen Schulen erfährt etwas vom Massaker General Mladics, von dem 8.500 Toten in der Stadt und den Unzähligen, die man heute noch in den verstrecken Massengräbern findet. +++





