
Karim El-Gawhary
In diesen Tagen jähren sich die anfänglichen revolutionären Ereignisse in der arabischen Welt. Grund genug für das Bildungswerk Bregenz, Karim El-Gawahary (49), ORF-Korrespondent in Kairo, einzuladen. Er rief den über 500 Zuhörern/innen in der übervollen Bregenzer Mariahilfkirche die Anfänge der arabischen Rebellionen in Erinnerung, analysierte die vielschichtige und schwierige aktuelle Lage in der arabischen Welt: “Die Revolution noch nicht beendet, der eingeleitete Prozess der Veränderung ist zukunftsoffen. Aber aber er ist unumkehrbar.”
“Nie mehr” ist der in München geborene Deutsch-Ägypter überzeugt, “wird es in Ägypten wieder sein wie früher”. Was in seiner Heimat – er lebt seit über 20 Jahren in Kairo und ist vertraut mit der politischen Geschichte des Nahen/Mittleren Ostens – abgeht, hält er – gemeinsam mit dem tunesischen Beispiel – für eine mustergültige Vorlage für die Länder des arabischen Raumes. El-Gawhary benennt den entscheidenden Faktor, die bewegende Kraft dafür als “das Tahrir-Bewußtsein”. Es greife nicht nur um sich sondern “ist unumkehrbar” und sorgt sozusagen für Betrieb auf den “revolutionäre Baustellen” in diesem Teil der Welt.
Eine schwere Geburt. Die Tunesier und die Ägypter haben millionenfach bewiesen, dass sie bereit sind, für ihre Menschenwürde, Freiheit und ihr Recht zu kämpfen und zu leiden. Nach generationenlanger Existenz unter dem brutalen Regime korrupter Staats- und Polizeiapparate, hat das Volk den Wandel herbeigeführt, der aktuell in einer Übergangssituation von konfliktreicher, schmerzlicher Instabilität besteht. Die revolutionäre Unterbrechung der diktatorischen Verhältnisse mündet notgedrungen in den unumgänglichen Rück-, Ab-, Auf- und Umbau der politischen Strukturen, in denen das Neue, das entstanden ist, nicht nur bewahrt sondern vor allem weitergeführt werden soll: “Es ist wie eine schwierige und langwierige Geburt” erläutert der Vater von drei Kindern die momentane Lage in seinem Heimatland.
Den Anfang weiterführen. Ganz klar ist, dass “die Zeit der politischen Monopole zu Ende ist und die Zeit der politischen Haftbarkeit angebrochen” ist. El-Gawhary sieht gute Anzeichen für zukunftsweisende, demokratische Ansätze. Er ist angesichts der Komplexität des zu gestaltenden Übergangs Realist aber ein optimistischer Realist. Die wirtschaftliche Lage des Landes und die drängende soziale Frage (Einkommen, Miete, Arbeitslosigkeit etc.) “kann zwar nicht mehr ausgeblendet werden” wie zur Zeit der Diktatur, ist aber noch weit von einer Lösung entfernt. Die bewahrenden Kräfte sind im Feld des Sozialen besonders wirksam, obwohl “mit den Revolutionen hat Bin-Laden sein Publikum verloren” weil “Ohnmächtige sich in Mächtige verwandelt haben” und “mit friedlichen Mitteln für umwälzende Veränderungen” gesorgt haben.
Ein offener Prozess. So ist dem islamistischen Radikalismus – nicht nur in Ägypten – die Basis entzogen worden, argumentiert El-Gawhary, und stellt die europäischen Islamismus-Ängste auf eine tragfähige politische Basis: “Die Islamisten sind zwar politisch bedeutsam”, doch nach dem Sturz der politischen Monopole sind auch sie verunsichert und “sind sich alles andere als einig.” Im Spiel der gesellschaftlichen Kräfte hält El-Gawhary die Frauen und das Verhältnis von Christen und Muslimen für besonders wichtig. “Die Frauen haben in der Revolution eine zentrale Rolle gespielt” und “es gibt rund 14 % Christen in Ägypten” und für beide gilt es, sich selbst im laufenden gesellschaftlichen Gestaltungsprozess neu zu bestimmen. Aber auch das Militär, die Kultur, die Religion unterliegt diesem vom Willen des Volkes getragenen unabsehbaren Veränderungsprozess. Es ist offenbar, dass sich die arabische Welt in ihrem Innersten verändert und unsere Welt – nolens volens – wohl mit ihr. Das allerdings wäre wohl das spannende Thema weiterer Abende und wird noch längere Zeit aktuell sein. (wb)
Aufgrund des großen Interesses musste die Veranstaltung kurzfristig vom eigentlich vorgesehenen Veranstaltungsort, dem “Theater Kosmos“, in die benachbarte römisch-katholische Pfarrkirche Mariahilf übersiedeln. Kooperationspartner des Bildungswerkes Bregenz der katholischen Pfarren und der evangelischen Pfarrgemeinde Bregenz waren: Theater Kosmos – Bregenz, EthikCenter KKV, Arbeitskreis Christentum und Sozialdemokratie (ACUS), Südwind Vorarlberg, Pax Christi Vorarlberg, das Renner-Institut Vorarlberg sowie die Grüne Bildungswerkstatt.
Bücher: ARCHE – Christliche Buchhandlung, Bregenz (Kirchstraße 14)
47.500750
9.742310